Was bedeutet es wirklich, „die andere Wange hinzuhalten“? Die Worte Jesu aus der Bergpredigt werden oft missverstanden und als Zeichen der Schwäche interpretiert. Dabei sind sie eine entschiedene Aufforderung zu innerer Stärke, Vergebung und Weisheit. Wie können wir diese Lehre in unserem Alltag umsetzen, in einer Welt voller Konflikte und Verletzungen?
Jesu Worte im Kern:
Jesu Worte sind eine Botschaft aus den höchsten Sphären. Sein Blick durchdrang das Innerste des Menschen, die Hülle seiner Seele bis zum innern Kern seines Geistes. Seine Lehren richten sich weniger an das äußere Handeln, das oft trügerisch ist, sondern an das innere Wesen. Seine Weisheiten sind zeitlos und bieten eine Anleitung für ein erfülltes Leben, nicht durch strenge Regeln, sondern durch eine innere Umwandlung.
Die Herausforderung der Gewaltlosigkeit:
Die gängige Interpretation seiner Worte legt den Fokus auf ein gewaltloses Leben. Doch was bedeutet das konkret? Bedeutet es, sich alles gefallen zu lassen und ein falsches, mildes Lächeln aufzusetzen? Sicherlich nicht. Dennoch prägte diese Vorstellung das Bild eines Christentums, das in blinder Opferbereitschaft die eigenen Bedürfnisse verleugnet und Sünden toleriert, in der Hoffnung auf ein späteres Seelenheil.
Dieses Bild vermittelt eine lähmende Schwäche. Doch worum geht es Jesus wirklich? Situationen, in denen uns körperliche Gewalt oder Diebstahl drohen, sind selten. Daher scheinen seine Worte kaum praktische Relevanz zu haben – zumal ein Nutzen im oben genannten Sinne fragwürdig ist.
Darüber hinaus ist auch der gewaltlose Schutz von Bedeutung. Unser Körper selbst lehrt uns, dass Selbstschutz wichtig ist. Unser Immunsystem wehrt unermüdlich schädliche Eindringlinge ab, unsere Reflexe schützen uns vor Verletzungen. Gesunder Selbstschutz und angemessene Verteidigung sind natürliche Grundkräfte, die uns helfen zu überleben und zu gedeihen.
Unser Immunsystem beispielsweise bekämpft kontinuierlich Krankheitserreger, um unseren Körper gesund zu erhalten. Körperliche Reflexe, wie das automatische Zurückziehen der Hand von einer heißen Oberfläche, bewahren uns vor Schaden. Und der Mutterinstinkt treibt eine Mutter dazu, ihre Jungen aufopferungsvoll zu verteidigen.
Natürlich sollte Verteidigung, dem Angriff angemessen, in einer möglichst edlen Form erfolgen und im Sinne der Nächstenliebe darauf abzielen, dem Angreifer nicht zu schaden, sondern ihm zu helfen. Würden wir uns tatsächlich „alles gefallen lassen“, würden wir die Schwächen der Menschen, die andere ausnutzen, nur noch verstärken und uns selbst in Mitschuld verstricken.
Der „Schlag auf die Wange“ – Verletzungen im Innenleben:
Betrachten wir unser Innenleben. In unseren Beziehungen zu Mitmenschen sind wir ständig gefordert. Aufgrund unserer Unreife kommt es zu Konflikten, und wir fühlen uns oft verletzt – durch Taten, Worte oder fehlende Unterstützung. Das ist der metaphorische „Schlag auf die Wange“.
Es ist eine Verletzung, die wir durch einen anderen erfahren, ein Schmerz, der uns trifft. Oft unterstellen wir dem anderen eine böse Absicht, ohne nachzudenken. Ärger steigt in uns auf, und wir wollen zurückschlagen.
Doch vielleicht hatte der andere gar keine böse Intention. Seine Taten oder Worte verfolgten möglicherweise andere Ziele. Unser „Gegenschlag“ trifft dann womöglich einen Unschuldigen, der daraufhin verletzt reagiert und den Kreislauf der Gewalt fortsetzt.
Bei genauerer Betrachtung wird klar: Wir können die wahren Motive anderer selten erkennen. Selbst wenn jemand schlechte Absichten hatte, entspringen diese oft nicht einem bösen Kern, sondern einer Verwirrung der Gedanken oder Empfindungen. Vielleicht war dieser Mensch selbst kurz zuvor Opfer und Täter in einem ähnlichen Kreislauf.
Der Weg zur inneren Freiheit:
Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, müssen wir auf den Gegenschlag verzichten, also den sprichwörtlichen „Schlag auf die Wange“ nicht erwidern. Wahre innere Freiheit bedeutet, dass unsere guten Ziele gegenüber anderen nicht durch deren Abwehr oder Unfreundlichkeit geschwächt oder gar ins Gegenteil verkehrt werden können, sondern wir unserem Ziele treu bleiben.
Gutes Wollen bedeutet, dass wir auf unserem Weg zu unseren Mitmenschen Hindernisse erwarten, wie bei einer Bergwanderung. Doch diese Herausforderungen schrecken uns nicht ab, sondern spornen uns an. Wir räumen die Steine und das Unkraut auf dem Weg oder umgehen sie, Stück für Stück, bis der Pfad leichter begehbar wird.
Die Rolle der Vergebung und das Gesetz von Saat und Ernte:
Das Gesetz von Saat und Ernte lehrt uns: „Irrt euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er auch ernten.“ (Galater 6,7). Wir haben nicht immer nur Gutes gesät. Daher ist es verständlich, dass auch bei bestem Wollen manchmal bittere Früchte auf uns zukommen. Selbst wenn wir uns bemühen können wir verletzt werden.
Doch auch dann ist es unsere Aufgabe, diesen Schmerz anzunehmen, uns nicht in ihm zu verlieren, sondern unsere Gedanken und Sehnsucht wieder nach oben zu richten, mit dem festen Vorsatz, es in Zukunft besser zu machen.
Die Rolle der Vergebung:
Zurück zum „Schlag auf die Wange“: Was kann uns helfen, diese Verletzung zu ertragen? Wir müssen erkennen, dass unsere eigenen Fehler uns daran hindern, die wahren Beweggründe des anderen zu verstehen – etwas, das nur durch aufrichtige Liebe möglich ist.
Solange wir diese Liebe nicht in jedem Moment empfinden, befinden wir uns in einem Spiegelkabinett, in dem gilt: „Du siehst den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht“ (Matthäus 7,3).
Das bedeutet, dass wir oft nicht die wirklichen Fehler und Absichten des anderen sehen, sondern nur unsere eigenen Projektionen. Sobald uns dies bewusst wird, ist Vergebung nicht mehr nötig, denn wir erkennen, dass wir uns im Grunde meistens nur selbst verletzen.
Jesu Worte als Richtschnur:
So betrachtet, werden Jesu Worte zu einer Richtschnur für unser Leben, die unserem Geist hilft, sich zu entwickeln. Dieser Weg ist kürzer und weniger verstrickt, da wir uns nicht in unnötigen Konflikten verfangen.
Wie oft eskaliert ein kleines Missverständnis zu einem großen Streit, in dem Zorn und Rachegedanken die Oberhand gewinnen und bleibenden Schaden anrichten können.
Diese negativen Gedanken und Gefühle trüben unsere innere Atmosphäre und trennen uns von unserer inneren Führung und unserem seelischen Schutz.
„Die andere Wange hinhalten“ ist ein Aufruf zur inneren Wandlung und zur Entdeckung unserer inneren Freiheit. Es geht darum, uns nicht mehr von unserem eigenen, guten Willen abbringen zu lassen, indem wir lediglich auf Äußerlichkeiten reagieren, ohne die wahren Absichten unseres Gegenübers zu verstehen. Stattdessen sollen wir in der Gewissheit unseres gemeinsamen Ursprungs in den lichten Gärten auch unseren Nächsten dabei helfen, den Weg zurück zu diesem Licht zu finden.
Dies gelingt uns am besten, wenn unser Inneres tatsächlich von dem Frieden des Lichtes erfüllt ist, von dem der Herr sagte: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht, wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch. Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht.“ (Johannes 14,27)
