Die Geschichte von Samurai IV

Freude durchströmte mich, als ich die Aufgabe übernahm, diese Bilder für die Kämpfer in Worte zu kleiden. Mögen sie ihnen gleich einem Leuchtfeuer auf ihrem Pfade der Wanderschaft dienen! Ein jeder Kämpfer sei stets eingedenk dessen, dass nicht die Kraft seines Leibes oder die Stärke seines Verstandes entscheidend ist, sondern allein die innere Reinheit und die Empfänglichkeit für die Eingebungen, die aus der Höhe kommen.  Gerade der ungeschickte Träumer ist es, der in den Märchen oftmals das Land errettet, nachdem die Kämpfer und Gelehrten ohnmächtig waren. Dies ist das Höhere, welches die Kämpfer erleben durften: Nicht die Kraft der Muskeln, noch die Klugheit des Verstandes, sondern die Stärke des Inneren und die Reinheit der Gedanken errangen den Sieg.

Ich fühlte, dass die Zeit am Fuße des Berges sich neigte und neue Aufgaben meiner harrten. Bald bestätigte sich meine Ahnung. Schon von fern vernahm ich das Getrappel von Pferdehufen, die sich näherten. Es waren die Reiter des Kaisers, die im ganzen Land nach dem jungen Sensei suchten, einem Helfer in höchster Not.  Würdevoll  waren die Reiter, doch als sie die Hütte erblickten, in der ich weilte, vermochten sie ihre kindliche Freude und ihr unschuldiges Lachen nicht zu verbergen.

„Der Kaiser selbst ruft dich an seinen Hof, dich, der du den mächtigen Feind ohne Blutvergießen besiegt hast. Der Kaiser selbst will mit dir sprechen. Bist du bereit, mit uns zu kommen?“

Ich wusste, dass die kaiserlichen Boten von hoher Stelle geführt wurden, und so willigte ich freudig ein. Mein Ziel war der Kampf gegen den Feind, doch durch spätere Erlebnisse gelangte ich zu der Erkenntnis, dass der wahre Feind nicht ein fremdes Heer oder eine Räuberbande ist, sondern unsere bisherigen irrigen  Überzeugungen und unsere starren, unwandelbaren Ansichten, deren Ursprung uns verschlossen bleibt, die wir aber dennoch nicht aufzugeben und durch Besseres zu ersetzen vermögen. Dieses Bessere wird erst dann zu uns kommen, wenn wir das Alte und Verdorbene losgelassen haben. Das war die Ahnung einer anderen großen Wahrheit, die ich erst später voll begriffen habe, obgleich sie schon lange unbewusst in mir lebte. Denn wie würde wohl klares Wasser aus einer Bergquelle schmecken, vermischte man es mit trübem Wasser?

Nach meiner Zustimmung und einem kurzen Dankgebet machten wir uns sofort auf den Weg. Die Soldaten boten mir Harnisch und Helm an, würdig eines Mannes, den der Kaiser selbst zu sich ruft. Der Kaiser genoss in unserer Zeit nahezu Unantastbarkeit und geradezu göttliche Verehrung. Ihn zu sehen war für einen Menschen eine Erfahrung für sein ganzes Leben. Doch kehren wir zurück zu unserer Reise. Unsere Wege führten durch Berge und über das Meer, wir erlebten alle Tücken des Wetters, bis wir endlich in der Ferne die Kaiserstadt erblickten.

Sie war das Schönste, was meine Augen bis dahin erblickt hatten. Doch das Wertvollste war in Wirklichkeit das, was ich in meinem Inneren trug und was immer mehr erblühte und in mir zum Leben erwachte. Die Stimme meines Inneren sprach zu mir, dass hier die Erfüllung der wichtigsten Aufgabe dieses Lebens stattfinden würde und dass es nicht mehr lange dauern würde, bis ich mich auf den Weg zu meinen Ahnen machen würde. Ich nahm alles so an, wie es kam. In der Gegenwart, zufrieden und dankbar für das bisherige Sein und zugleich in freudiger Erwartung dessen, was folgen würde.

Ihr, die ihr heute diese Zeilen lest, nehmt euch ein Beispiel an unserer Zeit, daran, dass das, was in der Tiefe eures Geistes spricht, das einzig Wahre ist, denn es ist der menschliche Geist, der fähig ist, die Botschaften von oben zu empfangen. Werdet wahrhaftig in euch selbst, und alle anderen Wege werden sich danach richten. Um voranzukommen, müsst ihr vieles in eurem Inneren erleben. Ob eine solche Erfahrung euch Freude oder Leid bringt, das tragt ihr in euren Herzen. Warum seid ihr nicht mehr fähig, auf die Stimme eures Inneren zu hören und auf die Stimmen der Helfer, die euch zu Hilfe kommen? Sie haben mehr erlebt als ihr, und sie haben den Überblick, der nötig ist, damit das Ganze sich in rechter Weise vollzieht. Menschen der Zukunft, ihr habt den Willen, ihr seid nur innerlich gefesselt und unfähig, euch zu befreien.

Kehren wir zurück in die Zeit, die ich erlebte und deren Nachhall noch in kleinen Teilen auf eurer Erde lebendig ist, in der Zeit, die ihr erlebt. Der Kaiser war ein junger Mann von großer Weisheit und Weitsicht. Er vermochte die Verbindung zu den lichten Rittern zu halten, die ihm mit ihrem Rat in schwierigen Situationen halfen. Auch jetzt sollte er denjenigen suchen lassen, der sich vor der eigenen Furcht nicht scheute und ein großer Helfer für Japan werden sollte. Obwohl kein Feind drohte, die Inseln von außen anzugreifen, verbargen sich viele Feinde im Inneren und griffen zur ungünstigsten Zeit an. Sie konnten jahrelang auf die passende Gelegenheit warten, um dann plötzlich so heftig zuzuschlagen, dass sie mehr Schaden anrichteten als in all den Jahren zuvor. Ihr Herrscher war das Misstrauen, und sie hatte viele willige Handlanger, wie Eitelkeit, Verleumdung, Profitgier und das Bedürfnis, Menschen zu beherrschen. Meine ersten Tage im Kaiserpalast verbrachte ich damit, die Höflinge, Diener und höheren Beamten dieses erwähnten dunklen Reiches zu erforschen und kennenzulernen. Einer von ihnen hatte sich in ein Mitglied der kaiserlichen Garde verbissen, ein anderer in einen Ratgeber, ein weiterer in einen Koch. Ich kannte sie bereits gut und suchte nach Wegen, sie zu bekämpfen. Regelmäßig richtete ich meine Gebete an den Mächtigen und alle lichten Helfer, doch die Antwort ließ noch auf sich warten. Die Zeit am kaiserlichen Hof nutzte ich konsequent, um die menschlichen Fehler und Schwächen in all ihren Abstufungen kennenzulernen. Aber was ich anstrebte, wohin mich mein Weg führte, sollte sich als der härteste Kampf erweisen, den ich mir vorstellen konnte. Nicht ein Heer von mehr oder minder gut ausgebildeten Soldaten stand mir gegenüber, sondern die menschlichen Schwächen und Fehler, die gleich einer Insektenwolke in Scharen und Massen angreifen können. Verzweiflung erfasste mich. Ich wusste, dass selbst wenn ich auf einen Fehler hinwies und die Höflinge des dunklen Reiches aus einem ihrer Verstecke vertrieb, sie sich sogleich in drei weiteren einnisten würden. Mächtig war der Einfluss der Schwächen über den Stand der Priester und Soldaten. Die einen wollten sich durch ihre Unfehlbarkeit hervortun und mit großer Zähigkeit die Menschen beherrschen. Die anderen zeigten gerne nach außen ihre Stärke, doch ihr innerer Glaube und ihr Mut schwankten. Die Unglücklichen konnten das grundlegende Gesetz nicht begreifen, dass gerade der innere Glaube und das innere Wollen das ist, was andere Menschen anzieht und ihren Respekt erweckt. Der Pfad der Anmaßung von Unfehlbarkeit ist der Weg in das Reich der Dunkelheit, denn er lässt keine Möglichkeit zur Änderung unserer Richtung bei besserer Erkenntnis. Ich habe mich mein ganzes Leben lang bemüht, aus dem Erlebten das Beste zu geben, und ich ahnte, dass der Horizont meiner Erlebnisse nahezu unendlich war. Einst dorthin zu gelangen, von wo all jene schöpfen, die uns raten und helfen, das war mein sehnlichster Wunsch. Ich ahnte, dass es jemanden geben musste, der stark und mächtig ist, aber ich war glücklich mit dem, was bis jetzt zu mir gekommen war. Wenn ich dessen einmal würdig wäre, würde mir mehr gegeben werden. Mit jedem solchen Gedanken erweiterte sich der Horizont meiner Erkenntnis, und ich spürte, wie mein Inneres aus schöneren und lichteren Ebenen schöpfte. Es war ein Weg der Erkenntnis und der Vorbereitung, der sich dem Ende zuneigte.

Das Ende dieses Weges brachte eine besondere Nacht, in der der Mond wie eine große Lichtscheibe am Himmel leuchtete. Der Himmel war mit viel mehr Sternen übersät als je zuvor.  Wie vor mir stehend, erschien mir eine viel größere und mächtigere Gestalt als diejenige, die ich den Mächtigen nannte:

„Es ist Zeit, unerschrockener Kämpfer. Du hast deine Feinde kennengelernt, ebenso wie die Waffen, die sie führen. Es ist höchste Zeit, mit der Unterweisung in dem zu beginnen, was dir als kostbarster Schatz anvertraut wurde. Wisse, dass dort, wo die Erkenntnis der ewigen Wahrheiten und die lichten Werte herrschen, niemand aus dem Reich der Dunkelheit verweilt. Du hast zwei Gruppen von Männern kennengelernt, die du von nun an unterrichten wirst, mit Rücksicht auf ihre Verschiedenheit. Lehre die Priester über die Welt der Gedanken und das innere Wolle nach dem Neuen, entwickle bei den Soldaten ihre Tugenden und die für sie gegebenen Regeln. Der Kaiser wird dir bei deiner Arbeit eine große Stütze sein.“


Sie können den Vortrag hier anhören


Übersetzung aus dem Slowakischen

Príbeh Samuraja IV
https://www.cesta-gralu.cz/pribeh-samuraja-iv/

Entdecke mehr von Geist und Wissen

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen