Die Sehnsucht nach Befreiung und das Gesetz der Rückwirkung

Viele Menschen ersehnen die Befreiung von den Schatten der Vergangenheit: von Zorn, Hass und all dem Unheilvollen, das aus Konflikten, verletzenden Worten und Missverständnissen im Miteinander erwachsen ist. Manch einer ahnt sogar, dass es noch weitere Belastungen aus früheren Zeiten geben könnte, die in sein Leben zurückströmen und sich in Unglück, Schmerz, Ärger oder Trauer manifestieren.

Doch wie soll eine solche Befreiung erlangt werden? Selbst mit aufrichtigem Willen vermag niemand gänzlich zu erfassen, wohin seine Gedanken einst eilten, welche Worte er sprach und welche unvorhersehbaren Folgen sich daraus entwickelt haben – wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wird und immer weitere Kreise zieht. Denn wenn wir einen anderen von seinem Wege abgebracht haben, tragen wir Mitverantwortung für alles, was er auf diesem irrigen Pfad in die Welt bringt – und ebenso für die Konsequenzen, die sich daraus wiederum ergeben.

Ein Mensch, der etwa durch eine tiefgreifende Misshandlung zutiefst verletzt wurde, kann so sehr vom Leben enttäuscht sein, dass sein ganzes Sein von Bitterkeit geprägt wird. Diese Bitterkeit beeinflusst fortan sein Handeln und Denken, und jede Begegnung mit anderen Menschen trägt einen Schatten dieser Enttäuschung in sich. So entsteht ein Dominoeffekt, in dem aus einer einzigen Verletzung zahlreiche weitere Wunden hervorgehen – bei ihm selbst und bei all jenen, die ihm begegnen.

Für diese Kette von Leid trägt der ursprüngliche Verursacher, der die erste Wunde geschlagen hat, eine Mitverantwortung – selbst für jene Schmerzen, die er nie direkt auslöste, die jedoch aus seinen Handlungen hervorgingen.

Doch es ist keine Furcht geboten: Zu seiner Zeit findet alles den Weg zurück zu uns. Oftmals stehen wir mitten in diesem Geschehen, ohne es zu erkennen. Denn unsere Taten folgen uns – dies ist jedoch kein Fluch, sondern eine wohlwollende Führung. Wir sind durch unlösbare Bande mit unserem „Werke“ verbunden, seien es unedle Taten, Worte oder Gedanken – bis dieses gesühnt ist.

Der Segen liegt darin, dass wir nicht aktiv danach suchen müssen. Alles wird uns zur rechten Stunde vor Augen geführt, zum Rückblick, zur Läuterung und zur Wiedergutmachung. Dann aber gilt es: zu handeln. Recht zu handeln. Nicht zu jammern, nicht über das vermeintlich ungerechte Schicksal zu klagen oder anderen Menschen Vorwürfe zu machen, sondern anzunehmen – ja, vielleicht sogar „die andere Wange hinzuhalten“. Denn im Grunde sind diese „Schläge“ nichts anderes als die Rückwirkungen unserer eigenen Handlungen aus naher oder ferner Vergangenheit.

Diesem Geschehen liegt ein großes Gesetz zugrunde: das Gesetz von Saat und Ernte. Es wird auch das Gesetz der Rückwirkung oder Karma genannt. Unerbittlich bringt es uns stets die Folgen unserer eigenen Taten zurück.

Doch diese Fäden ziehen nicht selbsttätig umher, sondern werden von Wesenheiten gelenkt. Deren Aufgabe ist es, die karmischen Verbindungen auf gerechteste und sinnvollste Weise zu führen – gleichsam als die gerechte Hand des Schöpfers, als seine Diener. Eine unzählbare Schar solcher Wesenheiten umgibt uns zu jeder Zeit. Sie nehmen alles auf, was von uns ausgeht – jede Empfindung, jeden Gedanken, jedes Wort – und bringen die entsprechenden Folgen im rechten Augenblick zu uns zurück.

Zurück zu dem Wunsch, frei von diesen Banden zu werden. Sie verankern sich insbesondere dort, wo wir einem Mitmenschen Schaden zugefügt, ihn verletzt oder von seinem Wege abgelenkt haben. Diese Punkte der Verankerung werden oft als innere Schwächung oder Verletzung empfunden – und genau das sind sie auch: seelische Wunden, an denen der betroffene Mensch Lebenskraft einbüßt. Darin liegt auch verborgen, dass manche Krankheiten nicht leicht geheilt werden können – weder von der irdischen Medizin noch von Heilern. Denn oft wird übersehen, dass an dem Krankheitsprozess noch eine oder mehrere andere Personen beteiligt sind, verbunden durch die unsichtbaren Fäden des Karmas.

Mehr noch: Diese ungelösten Bande formen oftmals unser irdisches Schicksal. Sie führen dazu, dass wir den betroffenen Menschen in verschiedenen Erdenleben immer wieder begegnen – sei es als Familienmitglied, Freund, Kollege oder gar Gegner. Genau diese vorbestimmten Begegnungen, geprägt von den ungelösten Konflikten der Vergangenheit, sind es oft, die uns im Leben die größten Herausforderungen stellen.

Wenn nun der Wunsch nach Versöhnung in einem Menschen erwacht und stark genug wird, lösen sich diese Bande nicht einfach auf – im Gegenteil: sie werden zunächst gestrafft. Der starke Wunsch wirkt wie ein Magnet, der die betroffenen Personen und die ungelösten Konflikte einander näher bringt. Dies kann sich zunächst wie ein Wiederaufflammen alter Streitigkeiten anfühlen, als würden die Wunden der Vergangenheit erneut aufgerissen. Doch genau darin liegt die Chance zur Heilung: Indem die Konflikte bewusst wahrgenommen und als Spiegel des eigenen Inneren erkannt werden, kann wahre Versöhnung geschehen.

Dies kann durch ein direktes Zusammentreffen geschehen, oft findet die Auseinandersetzung und Versöhnung aber auch auf feineren Ebenen statt – in der Nacht, im Traum, wenn sich die Seele vom Körper löst und das Tagesbewusstsein ruht. So können die Seelen der Betroffenen aufeinandertreffen und gemeinsam einen Weg zur Versöhnung finden, ohne dass man sich am nächsten Morgen bewusst an die nächtliche Begegnung erinnern kann.

So kann Heilung geschehen. Die karmischen Bande lösen sich, die seelischen Wunden schließen sich, und heilsame Kraft strömt in beide Menschen. Glück und Frieden erfüllen sie, eine tiefe innere Stärkung macht sich breit. Befreit, erhoben und voller Kraft können sie ihren Weg fortsetzen, vielleicht sogar mit dem Wunsch, anderen auf ihrem Weg zur Heilung beizustehen.

Denn im Grunde ist das Karma nicht nur ein Gesetz des Ausgleichs oder der Rückwirkung, sondern auch ein Gesetz des Wachstums und Aufbaus. Es verstärkt und vervielfältigt den zugrundeliegenden Keim unseres Wollens. Wenn wir uns vor dem Karma fürchten, dann meist deshalb, weil wir falsche Dinge wünschen. Doch wenn unser Wollen im Kern gut ist, dann fließt uns aus den Auswirkungen des Gesetzes nur Gutes zu, bis hin zu einem unermesslichen Segen.



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