
Die drei Wünsche und die Lehren des Lebens: Eine humorvolle Betrachtung über verpasste Gelegenheiten

Es muss wohl jene Zeit gewesen sein, von der man sich erzählt, dass die Grenzen zwischen dem Alltäglichen und dem Wunderbaren noch durchlässig waren. In einer solchen Zeit lebte, so heißt es, ein Mann von schlichter Güte, dessen Herz rein, dessen Verstand jedoch nicht übermäßig geschärft war. Als er eines Tages mit seinem Freund, einem Mann von zwar nüchterner Intelligenz, aber hitzigem Gemüt, im Wald Rast machte, um sich von der Last des Daseins zu erholen, trat ihnen, wie aus dem Nichts gesponnen, ein Wesen entgegen, das man wohl eine Fee nennen musste, gekleidet in Licht.
„Drei Wünsche“, sprach sie zu beiden mit einer Stimme, die wie fernes Glockenspiel klang, „seien euch gemeinsam gewährt. Nutzt sie weise, euer Los zu verbessern!“
Der Mann von schlichter Güte, von dieser unvermittelten Offerte gänzlich überrumpelt und mehr seinem leiblichen Drängen als einer überlegten Regung folgend, stieß hervor, was ihm als Erstes in den Sinn kam, nämlich der Gedanke an Essen: „Eine Wurst! Jetzt eine anständige, gebratene Wurst!“ Und siehe, das Gewünschte materialisierte sich augenblicklich zu ihren Füßen, einen unzweideutigen Duft verströmend. Damit war der erste der gemeinsamen Wünsche verbraucht.
Sein Freund jedoch, der Zeuge dieser Szene wurde, packte der Zorn über solche Gedankenlosigkeit. Dem Freund, dem Scharfsinnigeren von beiden, wurde jäh bewusst, welch unermessliche Möglichkeiten – Macht, Gold, Erkenntnis, ja vielleicht das Ende allen Leids! – soeben für eine armselige Wurst vertan worden waren. „Eine Wurst!“, rief er, „Ist das dein Ernst? Die möge dir zur Strafe an der Nase festwachsen, du Narr!“ Und wie das Echo eines Fluchs erfüllte sich auch dieser Wunsch sogleich – und der zweite gemeinsame war im Zorn verpufft: Die Wurst hing dem armen Mann prominent und absurd im Gesicht.
Da stand er nun, der erste Beschenkte, beschämt und behindert durch das Objekt seines törichten Begehrens, während der zweite auf die Folgen seines Zorns starrte. Es blieb ihnen nur noch der dritte, letzte gemeinsame Wunsch, um die unmittelbare Peinlichkeit zu beseitigen. Schweren Herzens musste der Mann mit der Wurst im Gesicht ihn darauf verwenden: „Ich will“, murmelte er, „dass dieses Ding von meiner Nase verschwindet.“
Und so war es. Die Wurst war fort. Die Wünsche waren dahin. Geblieben war nichts als die ernüchternde Erfahrung, dass selbst die größten Chancen zerrinnen, wenn man sie ohne Sinn und Verstand ergreift oder im Zorn vergeudet. Die beiden Männer gingen heim, um keine Wurst reicher, aber um die Einsicht, dass ein unbedachter Impuls teuer zu stehen kommen kann. Die Moral, wenn man denn eine braucht: Wer seine Möglichkeiten nicht zu lenken weiß, dem bleibt am Ende nur die Leere.
Diese kleine, fast banale Geschichte von der Wurst an der Nase mag als Gleichnis dienen für den Umgang des Menschen mit seiner ureigenen Ressource: seiner Aufmerksamkeit, jener Energie, die im Inneren wirkt. Wie oft richten wir sie auf Nichtigkeiten? Auf den Ärger über den Nachbarn, das Bedauern über Vergangenes, auf flüchtige Begierden, die kaum gestillt schon wieder neuen Hunger wecken? Schlimmer noch: Manchmal wird diese Energie zur Waffe gegen andere, und die verbleibende Kraft muss dann darauf verwendet werden, die selbst verursachten Verwicklungen und Verletzungen – wie die Wurst an der Nase – mühsam wieder zu entwirren. Für das, was wirklich zählt, bleibt dann oft nichts mehr übrig.
Man könnte meinen, es sei nun an der Zeit, diesen Mechanismus zu durchschauen und zu ändern. Sich bewusst abzuwenden von dem, was uns bindet und schwächt: dem Groll, der sinnlosen Sorge, dem Wiederkäuen eigener oder fremder Fehler. Denn worauf der Mensch seine Aufmerksamkeit richtet, das nährt er, dem verleiht er Gewicht. Im Kampf gegen das Negative, im ständigen Sich-daran-reiben, wächst es paradoxerweise nur. Wer trübes Wasser klären will, rührt nicht darin herum, sondern lässt es ruhen oder wendet sich ab.
Ein einziger klarer Gedanke, eine bewusste Hinwendung zum Konstruktiven, zum Wertvollen, genügt oft schon als Anfang.
Und wer nun klagt, ihm fehle die Kraft dazu? Der gleicht vielleicht jenem Fisch, von dem die Philosophen manchmal sprechen: Der Fisch sucht verzweifelt nach Wasser, ohne zu bemerken, dass er längst darin schwimmt. Das Wasser ist sein Element, es trägt ihn, es durchdringt ihn – aber er nimmt es nicht als solches wahr, spürt nur einen unbestimmten Mangel.
Ähnlich verhält es sich mit der Lebenskraft. Der Mensch sucht sie oft vergeblich in seinem Innern, glaubt irrtümlich, sie in sich selbst schaffen zu müssen, und erschöpft sich in diesem Bemühen. Aber diese Kraft entspringt keineswegs in ihm selbst. Sie ist vielmehr wie ein allgegenwärtiger Strom, eine universelle Energie, die vom heiligen Schöpfer ausgeht und allen zugänglich ist. Der Mensch kann sie empfangen und durch sein Wesen hindurchleiten, sie bündeln und fokussieren, wie eine Linse das Sonnenlicht – aber er selbst ist nicht die Quelle dieses Lichtes. Solange er sich selbst für die Quelle hält und sich abmüht, bleibt ihm der wahre Zustrom versagt. Stattdessen braucht er sich nur kindlich vertrauensvoll zu öffnen, um die Kraft des Schöpfers zu empfangen.
Doch wie der Fisch das Wasser erst durch die Bewegung seiner Kiemen, durch das Ein- und Ausströmen aktiv nutzt, oder wie der Vogel sich nur durch den steten Schlag seiner Flügel in der Luft halten und erheben kann, die ihn doch zugleich trägt – so genügt es auch dem Menschen nicht, passiv von dieser Kraft umgeben zu sein. Er muss sie aktiv ergreifen, in sie eingreifen. Sein ‚Flügelschlag‘, seine ‚Kiemenbewegung‘, das sind seine bewusst gerichteten Gedanken, seine Worte, seine Taten. Wenn diese klar und zielgerichtet sind, wenn sie – wie manche sagen – im Geben an andere ihren Ausdruck finden, dann erst tritt er in eine wirkliche Wechselwirkung mit dieser Kraft. Sie fließt nicht nur zu ihm, sondern durch ihn hindurch; durch seine Aktivität wird sie gelenkt und er gewinnt an Kraft.
Es geht also nicht um ein passives Empfangen, sondern um ein aktives Gestalten und Weitergeben. Erst in dieser Tätigkeit, im bewussten Einsatz seiner geistigen und tätigen Kräfte für etwas Aufbauendes, schöpft der Mensch wirklich aus der Fülle, die ihn umgibt.
Deshalb der Rat, nicht wie Lots Frau zurückzublicken auf das, was zerbrach und erstarrte, sondern den Blick nach vorn zu richten, auf die Möglichkeiten des Augenblicks. Und diese Kraft, die da ist, bewusst zu nutzen – durch das, was wir denken, sagen und tun. Ansonsten droht auch uns eine Art Erstarrung, eine Lähmung in der Abwendung von der lebendigen Bewegung des Seins.
