Von der Kostbarkeit des Kleinsten in uns

Wenn wir in Berührung kommen mit den hohen Werken der Kunst oder gar mit den heiligen Werken der Wahrheit – den Worten Jesu oder dem Wort der Gralsbotschaft –, überkommt uns oft ein Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit. Das, was wir in unserem Inneren als unser Eigenes empfinden, scheint plötzlich so klein, so unscheinbar und unbedeutend im Angesicht dieser strahlenden Größe.
In demütiger Ehrfurcht sind wir dann nur allzu schnell bereit, dieses anscheinend Kleine und Unbedeutende in uns zur Seite zu stellen, es zu verleugnen, um uns ganz für das Hohe und Große zu öffnen und es in uns aufzunehmen.
Doch wer diesen Weg geht, wird früher oder später eine seltsame Leere bemerken. Das hohe, große Wort wird niemals wirklich ein Teil von ihm selbst. Es findet keine Verankerung in seiner Seele, keine lebendige Verbindung mit seinem innersten Selbst. Es schwebt über ihm wie ein ferner Stern, bewundert, aber fremd, weil wir das Entscheidende vergessen haben:
Wir haben vergessen, dass das Hohe, Große und Heilige in uns lebendig verbunden werden muss, um zur wirkenden Kraft zu werden. Und diese Verbindung kann nur an einem einzigen Ort stattfinden: in ebenjenem kleinsten, anscheinend unbedeutenden Punkt in uns, der unser Ureigenstes ist. Dort ist der Anfang und der Ankerplatz für alles Weitere.
Bei genauerer Betrachtung wird sich nämlich offenbaren, dass dieses kleine, anscheinend unbedeutende Fühlen oder Ahnen einen unermesslichen Wert in sich trägt. Es birgt die Grundlage und die Gleichart, um sich überhaupt mit dem Hohen und Reinen verbinden zu können. Denn das Licht kann sich nur mit etwas verbinden, das selbst lichter Art ist, und sei es auch nur der kleinste Funke.
So kann sich die lebendige Verbindung nur auf eine Weise gestalten: indem das Hohe, Reine sich herabneigt und sich mit dem noch so unscheinbaren, jedoch ureigenen, lebendigen Funken im Menschen vermählt.
Nicht das Hohe wird dadurch geringer, sondern das Geringe wird erhoben.
Und wenn wir diesen Weg erst einmal beschreiten, wenn wir beginnen, unseren innersten Regungen Wertschätzung und Aufmerksamkeit zu schenken, beginnt eine wunderbare Reise der Entdeckung. Wir finden mehr und mehr von dem, was bisher unbeachtet liegengeblieben war. In allem, was unser Eigen ist, offenbart sich so viel Wertvolles, Reines und Hohes, das bereits in uns gelegt wurde.
Wir begreifen schließlich, dass wir keine leeren Gefäße waren, die von außen gefüllt werden müssen, sondern verschlossene Schatztruhen. Die hohen Werke von außen geben uns nicht den Schatz, sondern sie reichen uns den Schlüssel, um unseren eigenen aufzuschließen. Wir mussten ihn nur wiederfinden.
