30 Jahre unter den Toten – Carl Wickland – Kapitel 8 – Waisen

Das achte Kapitel der Neuausgabe von Dreißig Jahre unter den Toten ist veröffentlicht. Es wendet sich einer besonders berührenden Gruppe zu: den Geistern jener Menschen, die schon im Erdenleben als Waisen niemals Familienbande gekannt hatten – und die diese Heimatlosigkeit über den Tod hinaus mit sich trugen.

Carl Wickland beschreibt eine wiederkehrende Dynamik: Verstorbene, die nicht wissen, dass sie ihren Körper verloren haben, irren oft jahrelang unter den Lebenden umher. Sie sehen die Menschen, gehen unter ihnen hindurch, zehren unbemerkt von fremden Mahlzeiten – und niemand spricht mit ihnen. Bei den hier versammelten Fällen kommt eine zusätzliche Tragik hinzu: Es sind junge Seelen, deren irdischer Glaube, ungeliebt und allein zu sein, sie auch im Jenseits wie eine Augenbinde gefangen hält.

Was abstrakt klingt, wird im Kapitel durch konkrete Sitzungsprotokolle greifbar:

  • Minnie von der Treppe: Als Säugling auf der Treppe eines Heims gefunden, später von einer frommen Pflegemutter gequält und schließlich in den Wald geflohen, wo sie starb – ohne es zu merken. In der Sitzung erfährt sie zum ersten Mal ihren wahren Namen und begegnet ihrer verstorbenen Mutter. „Jetzt bin ich doch wieder Jemand.“
  • Anna Mary: Aus demselben Heim, von Minnie selbst herbeigebracht. Auch sie wusste nichts von ihrem Tod. Sie findet in einer geistigen Helferin endlich das Mütterliche, das sie nie gekannt hatte.
  • Lily: Hier tritt ein lebendes Kind in den Vordergrund – ein fünfjähriges Mädchen, an das sich ein verstorbenes, lieblos aufgewachsenes Mädchen „angemacht“ hatte und dessen Trotz, Unruhe und Eigenheiten in Wahrheit fremde Handschrift waren. Ihr letzter Wunsch erschüttert: „Ich möchte gerne schön sein.“
  • Lachende Ella: Eine Waise von ganz anderer Art, die ihr hartes Los buchstäblich weglachte. Sie war nicht aus Verwirrung, sondern aus alter Kinderliebe an die Mutter des Hauses gebunden geblieben – über Jahrzehnte und einen Tod hinweg.

Ein roter Faden und ein versöhnlicher Schluss:

So verschieden die Schicksale sind, eine Frage zieht sich durch alle: Wie kann es sein, dass gerade Kinder und junge Seelen so lange in den erdnahen Bereichen verweilen? Das Kapitel verbindet Wicklands Protokolle mit Einordnungen aus der spiritistischen Überlieferung – unter anderem André Luiz und Robert James Lees – und entfaltet einen tröstlichen Gedanken: Die empfundene Verlassenheit dieser Kinder ist kein objektiver Ort, sondern ein innerer Zustand, der im Jenseits zugleich zur erlebten Wirklichkeit wird.

Gerade darin liegt die Bedeutung von Wicklands Sitzungen: Sie boten den verlorenen Seelen einen „Umweg“ über die einzige Ebene, die ihnen noch zugänglich war – den unmittelbaren menschlichen Zuspruch. In dem Augenblick, in dem die innere Verwirrung durchbrach, fiel die Augenbinde, und die Kinder konnten endlich jene liebevollen Helfer wahrnehmen, die die ganze Zeit über an ihrer Seite gestanden hatten – das Licht, das sie in Wahrheit nie verlassen hatte.

Hier finden Sie das neue Material:

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