30 Jahre unter den Toten – Carl Wickland – Kapitel 10 – Eigensucht

Das zehnte Kapitel der Neuausgabe von Dreißig Jahre unter den Toten ist veröffentlicht. Es wendet sich einer Familie von Eigenschaften zu, die nach Wicklands Beobachtung besonders fest an die Erde bindet: Stolz, Eitelkeit, Ehrgeiz und Selbstsucht. Wer sein Leben allein sich selbst gewidmet hat – den eigenen Vergnügungen, dem eigenen Aussehen, dem eigenen Stand, der eigenen Bequemlichkeit –, findet sich nach dem Tode in einer Welt wieder, in der nichts anderes mehr zählt als der Dienst an anderen. Das macht den Übergang für diese Verstorbenen besonders schwer.
Die sechs Fälle dieses Kapitels zeichnen die Bandbreite der Eigensucht – vom rein materialistisch lebenden Lebemann über den Mann, der sich bewusst entschied, in den Vergnügungen unterzutauchen, bis zur englischen Adligen, deren Standesstolz sie weder ihre eigene Zeit noch das geistige Geschehen um sie herum erkennen ließ. Den eigentlichen Schwerpunkt aber trägt eine Schauspielerin, deren späterer Bericht über die gefallenen Frauen das Kapitel auf eine Frage hin öffnet, die weit über den Einzelfall hinausreicht.
Sechs Sitzungsprotokolle entfalten das im Einzelnen:
- John J.A. – Ein junger New Yorker Lebemann, 1912 mit der Titanic untergegangen. Im Jenseits blind aus Unwissenheit. Hergebracht hatte ihn W. T. Stead, der berühmte englische Journalist und Spiritualist, der mit ihm zusammen unterging – und dessen Lehren John an Bord für „den Fimmel eines alten Mannes“ gehalten hatte. Stead selbst hat noch zehn Jahre nach seinem Tod ein schmales Buch hinterlassen, „Die Blaue Insel“, das die ersten Stunden im Jenseits aus eigener Anschauung beschreibt.
- Alfred V. – Auf der Lusitania 1915 ertrunken. Sein Fall liegt anders: er hatte zu Lebzeiten gewusst, dass etwas mit seinem Leben nicht stimmte, und sich bewusst dafür entschieden, dieser Stimme keine Antwort zu geben. „Man kann in den Vergnügungen untertauchen.“ Eine Lebensform, die heute viele Namen trägt.
- Frau Simons – Eine jüdische Dame aus Chicago, die das spiritistische Interesse ihrer Freundin als Quälerei abgetan hatte. Nach ihrem Tod hängt sie sich an genau diese Freundin und überträgt ihre Wassersucht und Kreuzschmerzen so genau, dass die Lebende drei Wochen erfolglos im Krankenhaus liegt. Eine Begleitnote bringt diesen Fall in Verbindung mit dem, was die Medizin als Lindemann’sche Identifikationssymptome kennt.
- Alice – Eine wohlhabende Dame aus Milwaukee. Stolz und Standesdruck hatten ihre Heirat mit dem geliebten Rudolf verhindert; nach Rudolfs Selbstmord der Schwur, andere ebenso leiden zu lassen, und Carls späterer Selbstmord um ihretwillen. Im Jenseits erscheint ihre eigene Mutter, entstellt, und übernimmt die Mitschuld einer falschen Erziehung.
- Esther Sutherland – Eine entfernte Verwandte des Herzogs von Sutherland, mit Lorgnette und englischem Akzent. Sie weiß weder vom Großen Krieg noch vom Ende der Monarchien – der Standesdünkel als Vorhang vor der eigenen Zeit. Am Ende, vor dem Tor mit den sieben Tugend-Standbildern, findet sie ihre Wendung.
- Anna H. – Eine berühmte Schauspielerin, gestorben an Auszehrung um der Figur willen. Zwei Jahre später kehrt sie als andere zurück und arbeitet im Jenseits unter den Frauen, die in die „Lasterhöhlen“ abgesunken sind. Ihre Beobachtung über die soziale Verstoßung der gefallenen Frau führt das Kapitel an seinen eigentlichen Mittelpunkt.
Worauf das Kapitel zuläuft:
So verschieden die sechs Fälle sind – eine Frage hält sie zusammen, und sie wird im Schlussteil zum eigentlichen Thema: Wer trägt eigentlich die Schuld am Niedergang der jungen Frau, deren Schicksal Victor Hugo in „Die Elenden“ an der Figur Fantine erzählt hat? Das Kapitel folgt dieser Spur und kommt zu einem ungewöhnlichen Befund: Der Strudel, der das gefallene Mädchen hinabzieht, wird nicht von ihrem Fall erzeugt, sondern von den Händen der Verurteilenden. Jedes Urteil ist eine Hand, die nach unten drückt; und weil das Urteil bestätigt, was es behauptet, schafft es schließlich genau das Verworfene, das es zu sehen meint. Was die Gesellschaft als ihren Tiefpunkt verachtet, hat sie selbst erst hervorgebracht.
Daraus öffnet sich am Schluss eine Wendung. Derselbe Mechanismus wirkt auch in umgekehrter Richtung: Wer einem Menschen aus echter Zuwendung das Gute zutraut, ihn für mehr hält als seine Tat, legt nicht nur keine Hand nach unten – er legt eine Hand, die hebt. So ist der Mensch das einzige Geschöpf, das den Strudel rückwärts drehen kann – durch nichts weiter als die Richtung, in die er einen anderen anschaut.
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