30 Jahre unter den Toten – Carl Wickland – Kapitel 11 – Rechtgläubigkeit

Das elfte Kapitel der Neuausgabe von Dreißig Jahre unter den Toten ist veröffentlicht. Es wendet sich einer Gruppe Verstorbener zu, die nach Wicklands Beobachtung am schwersten zur Einsicht zu bringen ist: den religiösen Fanatikern. Wer sein Erdenleben ganz in starre Glaubensformeln eingebunden hat, bleibt nach dem Tod oft in einer Art Selbstsuggestion gefangen, in der er seine alten Gebete und Anrufungen unaufhörlich wiederholt — ohne wahrzunehmen, dass er gestorben ist, und ohne die helfenden Geister zu sehen, die längst um ihn stehen.
Drei Sitzungsprotokolle bilden den Stoff: das Mutter-Tochter-Paar Sarah und Mary Ann McDonald, der Pfarrer J. O. Nelson und der Schuster Henry Wilkins. Hinter den drei Geschichten öffnen sich zwei Fragen, die das Kapitel weit über das engere Thema hinaustragen — die Frage nach der Gerechtigkeit, wenn eine Unschuldige nicht sogleich erreicht wird, und die Frage, wer eigentlich an unserem täglichen Werk mitarbeitet.
Drei Sitzungsprotokolle entfalten das im Einzelnen:
- Sarah und Mary Ann McDonald – Eine Mutter, die nichts tut als beten und singen, und ihre junge Tochter, die schon mit neun Jahren in der Mantelfabrik arbeiten musste und alles Geld der Kirche geben sollte. Beide kamen wohl im großen Erdbeben von San Francisco ums Leben. Im Jenseits ist die Mutter weiter unbeweglich in ihren Formeln; die Tochter, irdisch unschuldig, bleibt an die Mutter gebunden und kann nicht aus der Bindung heraus. Erst Wicklands Ansprache öffnet ihr die Tür zu Großmutter, Vater und einer Welt voller Bäume und Blumen.
- J. O. Nelson – Ein Methodisten-Pastor in Western Springs, von einem Zug ums Leben gebracht, der jahrelang von der Kanzel gepredigt hatte, was er im Seminar gelernt hatte, ohne selbst davon überzeugt zu sein. Er findet sich nach dem Tod in einer „Hölle“ wieder, die in Wahrheit die geistige Finsternis seiner eigenen Unwissenheit ist — und erkennt im Verlauf der Sitzung erst, was geschehen war.
- Henry Wilkins – Ein Schuster aus Texas, einst Farmer, durch einen Sturz vom Wagen verkrüppelt. Er war so an seine Werkstatt gebunden, dass er Jahrzehnte nach seinem Tod weiter in ihr saß und Schuhe flickte, ohne zu bemerken, dass der „junge Bursche“, dem er das Handwerk beibrachte, in Wahrheit der neue Inhaber war.
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