Der Botschafter

Ich möchte heute über das sprechen, was ich glaube, das einen guten Übersetzer ausmacht. Es geht dabei nicht um mich und nicht um meine Arbeit auf dieser Seite — lesen Sie einfach.
Was macht ein Übersetzer? Zunächst möchte man sagen: Er überträgt Sätze aus einer Sprache in eine andere. Doch das ist nur ein Teil und bleibt unzureichend. Wer zu nah am fremden Wortlaut bleibt, erhält einen Text, der grammatisch stimmt und doch leblos wirkt, weil er noch immer nach der Fremdsprache klingt — ihre Wendungen, ihr Satzbau schimmern hindurch. Die Sätze sind korrekt, und trotzdem erschließt sich der Sinn nicht in seiner Fülle.
Ein Wort ist im Grunde nichts anderes als ein Gefäß. Seine Aufgabe ist es, einen innenliegenden Sinn aufzunehmen und ihn zum Empfänger zu tragen. Wer sich genau an einen Wortlaut klammert, verliert möglicherweise den inneren Sinn. Denn jede Zeit hat ihre eigene Form und ihr eigenes Empfinden für das, was natürlich und richtig ist. Ein Gefäß, eine Form aus einer vergangenen Epoche, mag in sich stimmig sein, doch auf den heutigen Betrachter wirkt es seltsam und aus der Zeit gefallen. Alles ist in Bewegung – immer –, so ändern sich auch die Formen.
Es verhält sich damit wie mit einem Oldtimer: Ein historisches Auto ist zweifellos ein schöner Anblick, wenn es gut gepflegt ist. Doch die Menschen nehmen es als reines Sonntagsgefährt wahr, nicht als alltagstaugliches Transportmittel. Es funktioniert anders, es riecht nach Benzin, man bewundert es vielleicht nostalgisch und toleriert seine Eigenheiten, aber für den ernsthaften, täglichen Weg nimmt man es nicht. Wer einen lebendigen Inhalt in einer historischen Form belässt, macht es zu einem solchen Oldtimer – hübsch anzusehen für Liebhaber, aber ohne echte Relevanz für das Leben im Hier und Jetzt.
Die Dynamik der Sprache lässt sich auch wie ein Ballspiel betrachten: Ein Werfer spielt den Ball einem Mitspieler zu, der in Bewegung ist. Der Wurf wird so berechnet, dass der Ball genau dort ankommt, wo der Fänger im nächsten Moment sein wird. Ändert der Fänger jedoch plötzlich seine Richtung oder sein Tempo, läuft der Wurf ins Leere. Der Werfer muss zwingend neu zielen, weil der Empfänger an einer anderen, vielleicht unerwarteten Stelle steht. Wer heute Worte unbeweglich an den Ort wirft, an dem die Menschen gestern standen, wirft an ihnen vorbei.
Ein guter Übersetzer versteht diese Prinzipien. Er beherrscht die Zielsprache wie seine Muttersprache. Er kennt die Menschen, zu denen er spricht: wie sie denken, woran sie sich stoßen und von welchem Standpunkt aus sie Informationen aufnehmen. Gleichzeitig kennt er die Welt, von der er erzählt – nicht nur ihre Vokabeln, sondern ihr Wesen. Erst wer beide Welten und die Bewegung der Menschen darin in sich trägt, kann richtig übersetzen. Alles andere bleibt reiner Wörtertausch.
Ein Botschafter jedoch ist noch viel mehr.
Gemeint ist nicht ein Diplomat – der nur aus Klugheit wirkt – sondern ein Mensch, dem man seine Herkunft ansieht, noch bevor er ein einziges Wort gesprochen hat. Man erkennt es an seiner Ruhe, an der Art, wie er anderen begegnet. Er muss von seiner Heimat nicht reden; er verkörpert sie. Wer ihn beobachtet, denkt unwillkürlich: Wenn die Menschen dort so sind, muss es schön sein, dort zu leben. Dieser Botschafter vermittelt nicht nur Worte, sondern wirkt durch sein bloßes Dasein.
Übertragen wir dieses Bild. Es gibt ein Wissen – umfassend, erhaben und klar –, das von den höchsten Dingen spricht: vom Sinn des Lebens, vom Wirken der Schöpfung. Und doch klingt dieses Wissen für die meisten heute, als käme es aus einer fernen Welt. Die Worte ziehen an ihnen vorüber wie eine Rede in einer Sprache, die sie nie gelernt haben.
Wer könnte hier Übersetzer sein – oder gar Botschafter?
Doch nur jemand, der dieses Wissen bereits lebendig in sich trägt. Jemand, der diese lichte, hohe Welt selber kennt.
Doch welche Sprache spricht dieser Botschafter, wenn er unter den Menschen lebt und von seiner Heimat zeugen will?
Es kann doch keine andere sein als die Sprache des Landes, in dem er sich jetzt befindet. Nicht die alte Sprache seiner Herkunft – die versteht doch hier niemand mehr in ihrer Tiefe und Fülle. Er muss die Worte derer nutzen, die ihn umgeben. Er formt das Gefäß aus ihrem Material.
Er fährt nicht im Oldtimer vor, er wirft den Ball genau dorthin, wo die Menschen heute stehen.
Und er steht mitten unter ihnen.