Die Welle

Wer ist nicht schon am Meer gesessen, innerlich still geworden, und hat den Wellen zugeschaut. Das Wasser nimmt einem etwas ab, man weiß nicht recht was, und nach einer Weile schaut man nur noch. Man sieht die Wellen von weit her kommen, ohne Eile, und wie sie sich, je näher sie dem Ufer rücken, langsam aufzurichten beginnen.
Eine einzelne Welle. Sie wird höher, als man ihr zugetraut hätte. Sie steigt, sie bäumt sich, sie erreicht eine Höhe, die fast überrascht — und in dieser Höhe wird sie steiler und steiler, bis der Kamm den eigenen Fuß überholt. Dann überschlägt sie sich. Sie bricht, schäumend, mit einem Rauschen, das man mehr fühlt als hört, und ihre ganze Kraft, eben noch aufgetürmt, zerfällt in weichen Schaum. Er läuft den Sand hinauf, wird dünn, versickert. Nichts scheint zu bleiben. Wo eben noch die Welle war, glättet sich das Wasser, als wäre nie etwas gewesen.
Und so, scheint es, ist es mit dem, was Menschen bilden. Aus dem unabsehbaren Meer der Zeit, in das auch unsere Menschheit gebettet liegt, türmen sich Wellen auf. Sichtbar werden sie uns als Völker, als Kulturen, jede von anderer Gestalt und Art. An einer bestimmten Stelle beginnen sie rasch zu wachsen, gewinnen an Höhe, an Macht, an Glanz — und gerade dort, wo sie am höchsten stehen, überschlagen sie sich. Sie verlieren ihre Kraft viel schneller, als sie gewachsen ist, in einem einzigen Tosen und Brausen, und was bleibt, ist Schaum, der versickert.
Wer diesem gleichmäßigen Tosen lange genug zusieht, dem kann der Gedanke kommen, das Ganze sei ohne Sinn. Welle um Welle, jede gleich vergeblich; Aufstieg und Sturz, Aufstieg und Sturz, und niemals bleibt etwas. Vielleicht war es ein ähnliches Bild, das einst den Stein des Sisyphus entstehen ließ: den schweren Fels, den einer den Berg hinaufwälzt, mühsam, ein Leben lang, und der genau an der höchsten Stelle — dort, wo man das Ziel erreicht glaubt und den Triumph — wieder hinabrollt, sodass die Arbeit von vorn beginnt.
Aber ist es wirklich so? Muss alles, was der Mensch schafft, dieses Sich-Erheben aus der Natur, am Ende wieder zerstäubt werden? Ist das Zerfallen das Wesen der Sache — oder ist es das Zeichen von etwas, das falsch läuft? Denn dass der höchste Sinn des Menschen darin bestünde, dass alle seine Werke zu Schaum vergehen, das ist kaum zu glauben.
Man muss die Welle nur genauer ansehen. Sie bricht nicht auf hoher See. Draußen, über der Tiefe, kann eine Welle ungeheuer hoch werden und läuft doch ruhig dahin, tragend; sie hebt ein Schiff und senkt es wieder, weithin, ohne sich zu überschlagen. Sie bricht erst am Ufer. Dort, wo das Wasser flach wird, schwindet der Welle ihre Tiefe – jene unsichtbare Verbundenheit mit dem Unendlichen, die sie zuvor aus dem Innersten genährt und getragen hat. Der aufsteigende Meeresboden begrenzt sie, die Bewegung wird seicht und treibt nur noch an der Oberfläche. In genau diesem zunehmenden Verlust an Tiefe beginnt sie, sich aufzubäumen und einen Kopf zu bilden. Dieser Kopf reckt sich steil empor und trennt sich dabei innerlich immer weiter von der schützenden Tiefe, aus der er einst entstand. Schließlich schiebt er sich nach vorn und übernimmt die Führung. Isoliert, den den Kontakt zu seinem natürlichen Ursprung verloren, drängt die Spitze voran. In dem Moment, in dem dieser Kopf sich über seinen eigenen Fuß neigt und meint, das Tempo allein diktieren zu können, ist das Urteil besiegelt: Die Welle muss brechen. Sie fällt nicht wegen ihrer bloßen Höhe, sondern weil sie die Tiefe verlor und der Kopf dem Rest davonlief.
Und damit ist es schon gesagt. Es ist gar nicht so schwer zu verstehen, warum die Kulturen immer wieder gerade am Höhepunkt zerbrechen mussten. Nicht das Alter tötete sie und nicht die Höhe. Es war jedes Mal dasselbe.
Die jungen Völker wussten sich klein. Sie sahen sich als einen kleinen Teil von etwas Großem; sie hatten ein Oben über sich und fühlten sich eher getragen als tragend, eher Spielball als Herr. Über ihnen stand etwas, dem sie zuwuchsen. Aber an einem bestimmten Punkt wurde der Eindruck der eigenen Kraft zu groß. Es ist dasselbe, was am einzelnen Menschen geschieht, wenn er aus dem Kind heraustritt, die Kraft in sich fühlt und meint, nun brauche er nichts mehr über sich: nicht die Werte der Alten, keine Unterordnung, nichts als sich selbst. Wir sind die Stärksten. Es gibt keinen, der größer wäre als wir.
In dem Augenblick, wo der Horizont sich nach oben schloss, fehlte das Licht. Es fehlte die Richtung. Die Kraft aber war nicht fort — sie war voll da, größer als je. Nur hatte sie nichts mehr, dem sie zuwuchs. So lief sie voraus, dem Grund davon, aus dem sie sich erhoben hatte, wie der Kopf der Welle dem Fuß davonläuft. Von da an war der Sturz beschlossen. Es war nur noch die Sache der Zeit, ihn zur Auswirkung zu bringen.