Die Geschichte von Samurai I

Der Weg des Grals – 26. März 2020

Hamatoioshi Ikeda. So nannte man mich, als ich einst als unerschrockener Krieger und Held die Inseln des alten Japans durchstreifte. Auf meiner Erdenreise wurden mir in besonderem Maße die Gaben des Heldentums und der Tapferkeit zuteil, damit mein Geist die erbetene Aufgabe erfüllen konnte. Höret nun meinen Lebensweg.

Ich wurde als ältester Sohn in eine Fischerfamilie hineingeboren. Mein Vater war der angesehenste und geschickteste aller Fischer im Dorf. Er vermochte es, mit dem Meer zu sprechen und in seinem Rauschen die Weisheiten des Lebens zu finden. Ihm wurde kundgetan, ob er ausfahren durfte, welche Netze er mitnehmen sollte und wie reich die Ausbeute des Tages sein würde. Anfangs war er nur ein einfacher Fischer, doch gerade durch diese Fähigkeiten und erfüllten Vorhersagen erwarb er sich auf natürliche Weise die Achtung und Wertschätzung der anderen Menschen.

Vater richtete im Haus einen kleinen Altar ein, vor dem er regelmäßig zu den Wesen des Meeres und zu unseren Ahnen betete. In unserer Kultur spielte die Verehrung der Ahnengeister eine unersetzliche Rolle. Der Familienaltar zog mich in meiner Kindheit oft an, als klänge von dort eine vergessene, mir dennoch so vertraute Musik. Es zog mich auch zu den kleinen Männchen und anmutigen Feen, die die Umgebung unseres Dorfes und manche von ihnen sogar unser Haus bewohnten.

Meinen Vater, einen guten und gerechten Menschen, habe ich immer sehr geschätzt, doch konnte ich mir nicht vorstellen, Fischer wie er zu werden. Ich selbst sah die Meereswesen, mit denen mein Vater sprach, doch als ich heranwuchs und mein Körper stärker wurde, sprachen mich viel größere Wesen von unbeschreiblicher Schönheit an. Sie waren viel schöner und edler gekleidet als die Krieger unseres Fürsten, in goldener oder silberner Rüstung, mit Schwert und Schild in der Hand. Ihr scharfer Blick grub sich tief in meinen Geist ein, manchmal schien er mich zu verbrennen und ließ mir unter den Fischern unseres Dorfes keine Ruhe. Ich sehnte mich danach, zu den Meinigen zu gehen, zu denen, die dieselbe Melodie hören, keine Furcht kennen, stark und unerschrocken sind.

So verließ ich eines Tages das Haus meiner Eltern und getrieben von einer geheimnisvollen Kraft machte ich mich auf den Weg zu den Bergen. Mit der Gewissheit eines Helden spürte ich, wohin meine Schritte führten und wo ich weitere Antworten auf die in mir schlummernden Fragen finden würde. Ein mehrtägiger Weg, der mich ermutigte und in meiner weiteren Suche bestärkte, führte mich zu einem alten Tempel am Fuße des Berges. Beim Anblick des Tempels jubelte mein Herz. Ich wusste, dass ich am Ziel war, doch ich hatte es nicht eilig. Ich setzte mich an das Tempeltor und dankte all den Kleinen mit den Mützen, wie auch all denen in Rüstung mit Schwertern dafür, dass mein Leben einen Sinn bekam und ich vorwärts schritt. Von unbeschreiblicher Dankbarkeit erfüllt, sah ich mich selbst in blassrosa Kirschblüten baden. Es war ein unendlich wohltuendes Gefühl. Unmittelbar nach diesem Erlebnis öffnete sich das Tempeltor und ein Schüler des Klosters begrüßte mich, den der Vorsteher Otohama Yoshi selbst zu mir geschickt hatte.

Ich durfte eintreten. Mit dem Schließen des Klostertores schloss sich auch mein bisheriges Leben und ich stand vor etwas Neuem. Ich freute mich und zitterte am ganzen Leib. Der Schüler führte mich in die Eingangshalle und hieß mich warten. Ein angenehmer Duft von Weihrauch lag in der Luft und von den Klosterwänden strahlten Ruhe und Weisheit aus. Ein Bruch in meinem Sein, ein Wendepunkt! Hier trat ein älterer Schüler in gelbem Gewand vor mich hin und bedeutete mir, ihm zu folgen. „Du darfst vor den höchsten Sensei treten“, seine Worte hallen noch heute in mir nach. Welch eine Ehre mir zuteilwurde! Schiebetüren öffneten sich und an einem kleinen Altar saß ein kleiner Mann von der erhabensten Erscheinung, die ich je gesehen hatte. Seine Züge waren mir seltsam vertraut, als hätte ich ihn einst schon geschaut. Kleine braune Augen erforschten mit scharfem Blick mein Innerstes bis in die tiefsten Tiefen.

„Sei willkommen, mein Sohn“, sprach er mich freundlich und zugleich mit großer Freude an. „Wir erwarten deine Ankunft schon seit einigen Tagen. Du bist so, wie ich dich sehen durfte, ein Kämpfer mit Leib und Seele. Kennst du den Grund, weshalb du hierher gekommen bist?“

„Nein, höchster Sensei“, antwortete ich, „aber ich sehne mich danach, besser zu werden und den anderen Menschen nützlich zu sein.“

„Das ist eine gute Grundlage, mein Sohn“, sagte der Sensei, „du wirst dich der Gruppe der Schüler-Krieger anschließen. Lerne alles, was du nur kannst, vielleicht wird dir später dein Weg klarer und du wirst seine weitere Richtung erkennen.“

So fügte ich mich den strengen Regeln des Klosters. Wir standen frühmorgens noch vor Sonnenaufgang auf und begrüßten gemeinsam mit den anderen Brüdern singend den neuen Tag. Dann folgte ein kurzes Gebet und Lobgesänge. Nach der morgendlichen geistigen Vorbereitung begann das Training. Das morgendliche Training bestand aus Laufen, Klettern und Überwinden von Hindernissen. Die wahren Hindernisse liegen in jedem von uns und hindern uns daran, das Große zu vollbringen, was die großen Strahlenden mit dem Schwert verlangen. Wenn ich glaube, dass ich nicht kann, dass ich etwas nicht schaffe und nicht bewältige, werde ich einmal so werden und es nicht schaffen. Wenn ich vor Erschöpfung und Schmerz zu Boden fiel und das Bewusstsein verlor, fühlte ich über meinem Kopf einen goldenen Schein, als würde er mich hochheben und etwas sprach zu mir:

„Fürchte dich nicht, glaube und du wirst es schaffen!“

Wenn ich dann wieder den Gedanken an mich heranließ, dass ich es nicht schaffen würde, fühlte ich einen scharfen Speer und Schmerz in meinem Kopf, als würde ein Blitz in mich einschlagen, warnend und zugleich ermahnend: „Wir sehen dich, für dich gibt es kein ‚Ich kann nicht‘, du gehörst zu uns!“

Wer ihr seid, die ihr zu mir sprecht, das weiß ich noch nicht, aber ich sehne mich danach, euch zu erkennen und einer von euch zu werden.

Nach dem Morgentraining folgte ein bescheidenes Frühstück. In Stille gaben wir unserem Körper, was er brauchte, wir aßen nie übermäßig und nichts Süßes, außer Früchten. Wir tranken entweder Wasser oder Tee. Schon damals kannten wir die Gefahren und Vorgänge, die beim Trinken berauschender Getränke entstehen. Es folgte weiteres Training mit einem Holzstab, einem Holzschwert und anderen Waffen. Alles, was wir taten und jedes Werkzeug, das wir benutzten, versuchten wir zur Vollkommenheit zu bringen. Ich erlangte Geschicklichkeit im Umgang mit dem Schwert, das ein Teil von mir selbst wurde, wie eines meiner Glieder. Dabei öffneten und entwickelten sich langsam die Gaben meines Geistes. Die gemeinsame Konzentration am Nachmittag stärkte uns in der Entwicklung eines natürlichen Empfindens für Gerechtigkeit, Güte und Hilfe für die Schwächeren. Den Abend verbrachten wir in gemeinsamer Dankbarkeit für den vergangenen Tag. Die Besten von uns durften einen Tag in der Woche dem blauen Sensei helfen, zu dem die Menschen aus dem Dorf kamen, um sich von ihm richten zu lassen. Der gelbe Sensei wirkte als Arzt und Heiler, der orange Sensei unterrichtete zweimal in der Woche die Jungen aus dem Dorf. Im Kloster wirken und lernen zu dürfen, galt als eine außerordentliche Ehre, und wohin auch immer die Schüler kamen, genossen sie Respekt.

Mein Können mit dem Schwert hatte ein menschliches Höchstmaß erreicht. Wir alle hatten eine immense Ehrfurcht vor dem Schwert. Wir kümmerten uns immer zuerst um das Schwert, rieben es mit Nelkenöl ein, legten es abgewischt auf einen Ständer oder in den Gürtel und erst dann kümmerten wir uns um unseren Körper und unsere Nächsten. Wer es nicht ehrte und ihm nicht die gebührende Achtung entgegenbrachte, hatte kein Recht, sich Mensch zu nennen. Ich wurde der Höchste der älteren Schüler-Krieger. Ich leitete das Training, gab Weisheit weiter, führte die Tempelwache. Ich dachte, ich hätte meinen Höhepunkt erreicht, als ein gedachter Blitz der Sehnsucht nach Selbsterkenntnis in mich einschlug. Du stehst erst am Anfang! Die Zeit deines Lernens in diesem Tempel neigt sich dem Ende zu. Dein Weg führt weiter. Am nächsten Tag nach dem Mittagessen kam einer der Senseis zu mir, damit ich mich am Abend im Heiligtum der Senseis einfände. Als die Zeit des Abends nahte, wartete ich ungeduldig vor dem Heiligtum und darauf, eintreten zu dürfen. Mein Augenblick war gekommen. Ich trat ein und erblickte dort überirdische Gestalten. Alle Meister saßen im Kreis, in feierliche Gewänder gekleidet, und der höchste Sensei sprach:

„Hamatoioshi, es sind nun Jahre vergangen, seit du die Schwelle dieses Tempels überschritten hast. Mit Freuden habe ich deinen Pfad und dein Voranschreiten verfolgt, in der Beherrschung der Waffe bist du wahrlich zum Meister geworden. Nimm nun von uns dieses Schwert entgegen, es ist ein Teil deines Wesens. So wie du deinen Körper und das Schwert meisterst, lerne auch, deine Gedanken zu lenken. Die Verbindung zu deiner inneren Führung wird dich weiter geleiten. Kannst du mir nun die Frage beantworten, weshalb du zu uns gekommen bist?“

„Mir war bestimmt, das Potential meines Körpers zu entfalten und zu lernen, die Waffe gleich meinen Gliedern zu führen.“

Hier können sie diesen Vortrag hören


Übersetzung aus dem Slovakischen
Príbeh Samuraja I.
https://www.cesta-gralu.cz/pribeh-samuraja-i/

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