Platons Höhlengleichnis – oder der Brückenbauer

Ihr müsst wissen, die großen Leute – die meisten Menschen, sie leben nicht in Häusern, sondern in Höhlen aus Stein.
Ihre Höhle ist in ihnen drin, in ihrem Kopf und in ihrem Herzen.
Schon als Kinder werden sie dort festgebunden, aber nicht mit dicken Seilen.
Es sind feinere Fäden: die Angst, die Dinge, die sie ganz fest glauben, die täglichen Sorgen und das, was die anderen Leute denken.
Sie schauen immer nur auf eine Wand in dieser Höhle.
Dort tanzen Schatten.
Schatten von dem, was sie fürchten, Echos von Worten, die sie gehört haben, flackernde Bilder von Glück und Unglück.
Wisst ihr, woher die Schatten kommen? Von einem kleinen, unruhigen Feuer tief in ihnen – dem Feuer ihrer Wünsche, die nie gestillt sind, gespeist von ihrem Verstand, der oft nur bis zur nächsten Ecke sieht.
Und das Merkwürdigste ist: Sie glauben fest daran, dass diese Schatten die ganze Welt sind.
Die einzige Wahrheit.
Aber manchmal, ganz leise, fängt einer an zu spüren: Ist das wirklich alles? Vielleicht weil etwas wehtut, oder weil eine Sehnsucht kommt, so groß und unerklärlich wie der Verlust von etwas Wertvollem, was wir jedoch nicht benennen können.
Dieser kleine Zweifel, seht ihr, das ist wie ein Samenkorn.
Der Anfang einer Reise.
Einer Reise nach innen und nach oben, die ein bisschen anstrengend ist.
Es ziept ein wenig, wenn man an den unsichtbaren Fäden rüttelt, mit denen man festgemacht war.
Und es blendet die Augen, wenn man versucht, nicht mehr auf die Schatten zu starren, sondern direkt in das flackernde Feuer der eigenen Gedanken und Gefühle zu blicken.
Noch schwerer ist es, aus dieser Höhle herauszuklettern.
Man muss alles hinterfragen, was man bisher sicher wusste.
Man muss seinen Ängsten begegnen, die manchmal wie Ranken sind, die heimlich wachsen und alles umschlingen können.
Man muss nach Klarheit suchen, wie man in der Wüste nach einem Brunnen sucht.
Und dann kann es auch noch passieren, dass man alles plötzlich vergisst und wieder auf das Flackern schaut – und sich doch hoffentlich plötzlich wieder erinnert.
Wer diesen Weg geht, findet vielleicht, ganz langsam, einen Ausgang.
Dort ist Licht.
Ein anderes Licht, ganz sanft und klar.
Vielleicht das Licht des Herzens, oder der Liebe.
Zuerst ist es sehr hell, man muss blinzeln.
Aber nach einer Weile gewöhnen sich die Augen daran.
Man beginnt, die Welt anders zu sehen.
Klarer.
Man sieht die wichtigen Dinge, die für die Augen unsichtbar sind.
Und man versteht: Die Schatten in der Höhle waren nur…
nun ja, Schatten eben.
Nicht das wirkliche, bunte, atmende Leben.
Aber wenn man das Licht gesehen hat, wird das Herz ganz weit für die anderen, die noch drinnen sitzen und die Schatten anschauen.
Man sieht sie, wie Brüder und Schwestern, gefangen im selben Traum, aus dem man gerade aufgewacht ist.
Man fühlt sich ein wenig verantwortlich, wie für einen Freund oder seine Schwester.
Und dann weiß man, was das Wichtigste ist: Man muss Brücken bauen, Brücken der Erinnerung – an die Zeit vor der Höhle.
Es nützt ja nichts, von der Sonne zu erzählen.
Wer nur Schatten kennt, kann sich das Licht nicht vorstellen.
Es würde die Augen schmerzen lassen, oder man würde ausgelacht werden.
Also geht der Brückenbauer zurück.
Zurück in das Dämmerlicht der Höhle, wo die anderen sind.
Die Augen müssen sich erst wieder gewöhnen.
Vielleicht lächeln die anderen über ihn, weil er die Schattenspiele nicht mehr so aufregend findet.
Seine Aufgabe ist nun ganz einfach und doch so schwer: Er setzt sich still zu ihnen und versucht zu verstehen, wie ihre Schattenwelt für sie ist, welche unsichtbaren Fäden sie festhalten – die Gewohnheit, die Angst, das Misstrauen.
Ganz behutsam, wie man einem scheuen Tier die Hand hinhält, stellt er vielleicht eine Frage.
Eine Frage, die den Blick ganz vorsichtig ein kleines Stückchen wegbewegt von den Schatten, hin zu dem kleinen Feuer dahinter.
Zu den eigenen Gedanken, den eigenen Gefühlen, zu einem Moment, wo vielleicht etwas Echtes zu spüren war, wie eine Freundschaft.
Er ist gütig, ohne zu urteilen, denn er weiß ja selbst, wie fest die Fäden halten können und wie groß die Angst vor dem Unbekannten ist.
Er sucht den Frieden, schafft einen Raum, wo man sich traut, einen leisen Zweifel zu denken, wie ein kleines Geheimnis.
Er zerrt niemanden mit Gewalt hinaus.
Nein, er lebt einfach das, was er draußen erfahren hat.
Seine Ruhe, seine Klarheit, seine liebevolle Art – das ist wie ein winziges bisschen Hefe im Teig.
Es wirkt still und leise.
Er ist die Brücke, versteht ihr?
Es geht nicht darum, alle sofort ins helle Licht zu ziehen.
Das wäre zu viel auf einmal.
Die Aufgabe des Brückenbauers ist vielleicht nur, durch sein Dasein einen winzigen Spalt im Dach der Höhle zu öffnen, eine Erinnerung zu wecken, damit ein Schimmer Licht einfällt.
Oder das kleine Feuer im Innern ein wenig verständlicher zu machen.
Eine leise Ahnung von Freiheit zu wecken.
Das Wichtige, das Wesentliche, ist das liebevolle, geduldige Bemühen selbst.
Der Bau der Brücke, Schritt für Schritt, von Herz zu Herz.
Mitten in der Höhle, in der wir alle gemeinsam sitzen.