Der Sprung

Stellen wir uns eine Gruppe von Menschen in einem Fahrstuhl vor. Sie sitzen fest, und es gibt keinen Ausweg. Allen Beteiligten ist klar: Dieser Fahrstuhl stürzt in die Tiefe, die Geschwindigkeit nimmt zu. In ihrer Panik überlegen die Insassen, was zu tun sei. Nichts zu tun, erscheint unerträglich. Also entsteht ein Plan, eine gemeinsame Anstrengung: Man versucht, im Moment des Aufpralls so hoch wie möglich zu springen, um den Sturz zu lindern. Die leisen Stimmen der Vernunft, die anmerken, dass dies physikalisch wirkungslos ist, werden übertönt. Das Argument lautet schlicht: „Man kann doch nicht einfach tatenlos zusehen.“
Dieses Bild beschreibt den Zustand unserer heutigen Gesellschaft und unseren Umgang mit den Krisen der Zeit. Dass es der Natur, und damit unserem Lebensraum, nicht gut geht, wird kaum noch jemand bestreiten. Auch unsere gesellschaftlichen und alle anderen Strukturen zeigen Risse. Aus dieser Erkenntnis heraus entsteht ein enormer Drang zur Handlung. Doch weil wir die tieferen Zusammenhänge nicht verstehen – oder nicht sehen wollen –, konzentrieren wir uns auf die Linderung von Symptomen. Wir springen im Fahrstuhl.
Das grundsätzliche Problem liegt jedoch nicht im Äußeren, sondern in der inneren Einstellung des Menschen zur Natur. Wir betrachten die Erde als ein Warenlager, das nach unseren Wünschen geplündert werden darf. Jede Nation, jeder Konzern und oft auch der Einzelne glaubt, das Recht dazu zu haben. Zwar haben wir Gesetze geschaffen, die diesem Raubbau einen humanen Anstrich geben, aber am Kern des Geschehens ändern sie nichts: Die Natur wird missbraucht, Böden werden vergiftet, Tiere als reine Ware behandelt. Wenn Kritik daran laut wird, folgt meist das Argument der wirtschaftlichen Notwendigkeit. Wir würden ja gerne anders handeln, heißt es, aber die Wirtschaft lässt es nicht zu. Es muss sich „rechnen“. Betrachten wir dies einmal mit kühler Logik: Würden wir Raub, Mord oder Gewalt in unserer Familie damit rechtfertigen, dass es sich finanziell lohnt? Wohl kaum. Doch genau das tun wir mit der Natur, die uns nährt wie eine Mutter. Ein Verbrechen wird nicht dadurch legitim, dass es Gewinne abwirft oder Arbeitsplätze sichert.
Was wir nun erleben – der drohende Zusammenbruch der Ökosysteme, aber auch die Erschütterungen im Finanzsystem, im Sozialen und im politischen Gefüge – ist kein zufälliges Unglück. Es ist die logische Konsequenz unseres Handelns. Es ist die Ernte dessen, was wir über Jahrtausende gesät haben. Es ist, im Bild gesprochen, der Fahrstuhl, der unaufhaltsam dem Boden entgegenrast. Der „Sprung im Fahrstuhl“ – also kosmetische Maßnahmen bei gleichzeitiger Beibehaltung unserer Denkweise – wird uns nicht retten. Es reicht nicht, das Bestehende ein wenig grüner anzustreichen. Die einzige Möglichkeit für ein Fortbestehen liegt in einem radikalen Umdenken. Wir müssen das Fundament unserer Weltanschauung prüfen.
Das Kernproblem liegt darin, zu Erkenne, was uns umgibt. Wir nennen es „Natur“ oder „Umwelt“ und halten es für tote Materie, die bestenfalls durch biologische Zufälle eine gewisse Selbstorganisation erreicht hat. Wir sehen die Schönheit der Pflanzen, die Vielfalt der Tiere, und die Wissenschaft spricht von Evolution und Anpassung. Doch diese rein materielle Sichtweise ist unvollständig. Sie ist wie das Betrachten eines Gemäldes, bei dem man nur die chemische Zusammensetzung der Farbe analysiert, aber den Maler leugnet. Um die heutige Krise zu lösen, müssen wir die Natur neu erkennen. Die Natur ist nicht aus sich selbst heraus entstanden, so sehr die heutige Wissenschaft dies auch postuliert. Sie ist in Wahrheit ein Werk. Ein gigantisches, hochkomplexes Konstrukt, das aus der innovativen Arbeit von Spezialisten hervorgegangen ist. Damit sind keine Außerirdischen gemeint. Wir sprechen von einer ganz realen, arbeitenden Kraft im Hintergrund – lebendige Wesen, die in jedem Bereich der Stofflichkeit wirken.
Man könnte sie als die Baumeister der Materie bezeichnen. Diese unsichtbare Einsatztruppe ist dafür verantwortlich, dass die Natur nicht nur existiert, sondern in ihrer unbegreiflichen Vielfalt funktioniert. Sie hat die Bedingungen geschaffen, die das Leben für uns Menschen auf der Erde überhaupt erst ermöglichen. Alte Schriften ahnten diese Zusammenhänge. Wenn in der Bibel oder anderen kulturellen Überlieferungen davon die Rede ist, dass der Körper des Menschen „aus Lehm“ oder „aus dem Staub der Erde“ geformt wurde, so ist dies kein magischer Handgriff, der in einer Sekunde geschah. Es ist eine bildhafte Beschreibung für einen Prozess, der Jahrmillionen andauerte. Das „Formen des Tons“ ist in Wirklichkeit die geduldige, zielgerichtete Arbeit dieser bewussten wesenhaften Kräfte, die die Materie über Äonen hinweg veredelten – von den ersten sichtbaren Formen über die Tierwelt bis hin zu jenem Körper, den der Mensch heute bewohnen darf.
Wenn wir also verstehen, dass die Natur kein herrenloses Gut ist, das zufällig herumliegt, sondern das Ergebnis unvorstellbarer Arbeit und Fürsorge einer uns noch unbekannten Intelligenz, dann ändert sich alles. Dann ist unser heutiger Umgang mit der Natur – das Vergiften, Ausrauben und Zerstören – nicht nur „umweltschädlich“. Es ist eine Zerstörung fremden Eigentums. Es ist eine Respektlosigkeit gegenüber jenen Kräften, die dieses Haus für uns gebaut haben und es instand halten. Wir benehmen uns wie Gäste, die die Wände einreißen und das Mobiliar verbrennen. Wenn wir also die Tatsache akzeptieren, dass diese Welt kein Zufallsprodukt ist, ergibt sich daraus eine zwingende Konsequenz. Wer in einem fremden Haus Zerstörung angerichtet hat und merkt, dass der Eigentümer zurückkehrt, sollte nicht versuchen, die Spuren hastig zu überstreichen. Er sollte den Eigentümer suchen und fragen, wie der Schaden wiedergutzumachen ist.
Machen wir uns also auf die Suche nach dem Besitzer. Es ist die dringendste Aufgabe der Menschheit in dieser Zeit, nicht neue technische Lösungen für die wankenden Wände zu erfinden, sondern in Kontakt mit jenen Instanzen zu treten, die dieses „Haus“ verwalten. Wir müssen herausfinden, mit wem wir es zu tun haben. Wir müssen fragen: Was war der ursprüngliche Plan für dieses Gebäude? Und vor allem: Was fordert der Besitzer von uns, damit wir hierbleiben dürfen? Das klingt für den modernen Verstand ungewohnt. Wir haben uns daran gewöhnt, uns als die Krone der Schöpfung zu sehen, die niemandem Rechenschaft schuldig ist. Doch der drohende „Rausschmiss“ – die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen – spricht eine andere Sprache. Die Lösung liegt nicht im Außen, in noch mehr Technologie. Wir müssen lernen, die Sprache der Natur wieder zu verstehen, um die Bedingungen des „Mietvertrags“ zu lesen, den wir so lange ignoriert haben. Nur wenn wir uns den Gesetzen und dem Willen derer anpassen, die diesen Lebensraum erschaffen haben und erhalten, haben wir eine Chance, den Absturz zu verhindern.