Kapitel 18 – Worte einer Wohltäterin

Die nächtliche Versammlung hielt eine überraschende Freude für uns bereit. Im sanften Mondschein übernahm Gúbio die Leitung des Wirkens und versammelte uns in einem weiten Kreis. Er war wahrlich bis in seine kleinsten Gesten ein kostbarer Führer, der uns zu den Gipfeln geistiger Erbauung führte.
Er legte uns nahe, die alten Verfehlungen hinter uns zu lassen, und riet uns zu einer inneren Haltung erhabener Hoffnung, getragen von neuem Vertrauen, damit unsere edelsten Energien ihre volle Wirkung entfalten konnten.
Er erklärte uns, dass ein Dienst am Nächsten, wenn er an den christlichen Prinzipien ausgerichtet ist – wie es bei der Not von Margarida der Fall war –, stets dazu geeignet sei, vielen Menschen Linderung und Erleuchtung zu schenken.
Ferner erläuterte er, dass wir uns dort eingefunden hätten, um den Segen der höheren Welten zu empfangen; doch dafür sei es unerlässlich, eine klare Haltung innerer Würde zu wahren. Denn in einer Versammlung wie dieser setze der Geist Kräfte frei, die von entscheidender Bedeutung für das Gelingen des Unterfangens seien.
Aus allen Angesichtern strahlten Zufriedenheit und Zuversicht, als unser Mentor seine Stimme im brüderlichen Kreis erhob und demütig und bewegend flehte:
— Herr Jesus, neige Dich uns zu und segne Deine Jünger, die nach dem lebendigen Wasser des Himmelreichs dürsten! Hier versammeln wir uns als Schüler guten Willens, in Erwartung Deiner heiligen Fügung.
Wir wissen, dass Du uns den Zugang zu den Schatzkammern der göttlichen Gnade niemals verwehrt hast; und uns ist wohl bewusst, dass Dein Licht – gleich der Sonne – über Heiligen und Sündern, über Gerechten und Ungerechten leuchtet. Doch wir, Herr, fühlen uns durch unsere eigene Unbesonnenheit verarmt.
Unsere Brust ist verdorrt vor Selbstsucht, und unsere Füße sind in Gleichgültigkeit erstarrt, sodass wir den rechten Pfad aus den Augen verloren haben. Doch mehr noch, Meister, leiden wir – zu unserem Unheil – als an der Taubheit unserer Ohren oder der Blindheit unseres Blickes an einer tiefen Verhärtung in Eitelkeit und Stolz.
Diese haben wir über viele Jahrhunderte hinweg zu unseren Führern an den Abgründen der Finsternis und des Todes gemacht; doch wir vertrauen auf Dich, dessen heilende Kraft stets erneuert und rettet.
Mächtiger Freund, der Du den Schoß der Erde nach dem Willen des Allerhöchsten öffnest und selbst die brennende Lava nutzt: Befreie unseren Geist aus den alten Kerkern des Selbst, und wenn wir dafür auch das Feuer des Leidens durchschreiten müssten! Überlasse uns nicht den Abgründen der Vergangenheit. Erschließe uns die Zukunft und lenke unsere Seele hin zum Geiste der Güte und der Entsagung.
Inmitten der tiefen Nacht, die wir uns durch den Missbrauch Deiner Gaben selbst bereitet haben, besitzen wir nur die flackernde Laterne des guten Willens, die der Sturm der Leidenschaften jeden Augenblick auslöschen kann.
O Herr! Befreie uns von dem Übel, das wir im Heiligtum unserer eigenen Seele angehäuft haben! Öffne uns aus Erbarmen den rettenden Pfad, der uns Deines göttlichen Mitleids würdig macht. Offenbare uns Deinen erhabenen Willen, damit wir durch seine Erfüllung einst zur Herrlichkeit der wahren Auferstehung gelangen.
Da wir nun vom irdischen Körper getrennt sind, lass uns nicht wie Schatten in Selbstsucht und Zwietracht verharren. Sende uns, Allgütiger, die Boten Deiner unendlichen Liebe, damit wir das Grab unserer alten Täuschungen verlassen können!
In diesem Augenblick erfuhren die stillen Tränen des Mentors eine himmlische Antwort: Ein wahrer Regen aus diamantenem Glanz begann auf ihn herabzuströmen, als hätte eine geheimnisvolle, unsichtbare Hand dort einen göttlichen Strom aus Licht und Reinheit zu unseren Gunsten freigesetzt.
Seine Stimme war verstummt, doch das erhabene Bild entlockte uns Tränen unbeschreiblicher Ergriffenheit. Es gab keinen unter den Anwesenden, dessen Antlitz nicht die sichtbare Berührung jener gesegneten Ekstase trug, die unsere Herzen tief im Innersten erschütterte.
Der Lehrer wirkte wie entrückt, trotz des strahlenden Heiligenscheins, der sein ehrwürdiges Haupt verklärt umgab. Er rief mich leise zu sich und sagte:
— André, leite du nun das Werk der Versammlung, während ich die Kräfte für die Erscheinung unserer Wohltäterin Matilde bereite. Ich sehe sie an unserer Seite; sie kündet uns, dass die von ihrem mütterlichen Herzen lang ersehnte Nacht angebrochen sei.
Vor der Zusammenkunft mit Gregório, in Begleitung seliger Wesen, die ihr beistehen, beabsichtigt sie, uns auf sichtbare Weise zu besuchen, um all jene zu stärken, die sich heute um den Dienst zur Vorbereitung auf höhere Sphären bemühen.
Ich erbebte angesichts dieser Weisung, doch ich zögerte nicht. Sogleich nahm ich seinen Platz ein, während sich der weise Mentor zwei Schritte entfernt in tiefe Meditation zurückzog.
In der Stille bemerkten wir, wie ein glänzendes, sanftes Licht in aufeinanderfolgenden Wellen von seiner Brust, seinem Antlitz und seinen Händen auszustrahlen begann. Es glich feinstem Sternenstaub, denn die Strahlen schwebten umher und verharrten in ihren Bewegungen in seltsam anmutigen Pausen.
Binnen weniger Augenblicke nahm jene zarte, leuchtende Masse feste Konturen an, als würden unsichtbare Hände ihr lebendigen Odem einhauchen. Kurz darauf erschien Matilde vor uns, ehrwürdig und von großer Schönheit.
Das Wunder der Manifestation eines verklärten Wesens hatte sich vor unseren Augen vollzogen – in einem Vorgang, der jenem in der irdischen Welt nahezu gleichkommt.
Vor der Wohltäterin warfen sich mehrere der anwesenden Frauen nieder, überwältigt von unbändiger Rührung – eine natürliche Gebärde, die uns nicht überraschte, da wir uns wahrhaftig in der Gegenwart eines lichtvollen Engels in Frauengestalt fühlten.
Die selbstlose Beschützerin richtete eine segnende Geste an die Versammlung und sprach nach einer kurzen Begrüßung mit bedächtiger, tief bewegender Stimme:
— Meine Freunde, ihr alle harrt der glücklichen Stunde der gesegneten Rückkehr in die „Sphäre des Neuanfangs“; doch bedenkt: Die Gabe des irdischen Körpers ist ein unschätzbarer göttlicher Segen.
Ersehnt die Wiederverkörperung nicht allein aus dem Verlangen nach Vergessen in den Träumen der Welt – jenen Träumen, welche die Versuchungen der niederen Ebenen leicht in einen Albtraum verwandeln können. Das Leben, wie wir es bis hierher kennen, ist ein fortwährender Prozess der Veredelung. Es genügt nicht, bloß zu wünschen. Es ist notwendig, das Wollen auf das unendlich Gute auszurichten.
Sie hielt einen Augenblick inne und fuhr fort, wohl als Antwort auf das stumme Fragen vieler:
— Haltet mich nicht für eine außergewöhnliche Abgesandte des Reiches des Lichts. Ich bin eine demütige Dienerin, die vor dem Ewigen Schöpfer keinen anderen Verdienst vorzuweisen hat als ihren guten Willen. Meine Füße sind noch gezeichnet von der dunklen Vergangenheit, und mein Herz trägt noch frische und tiefe Narben bitterer Erfahrungen, welche die unaufhörlich dahinfließenden Tage bis heute nicht zu tilgen vermochten.
Verleiht mir daher keine Namen und Titel, die mir nicht gebühren. Ich bin schlicht eure Schwester im Geiste, bestrebt, euch für die Herrlichkeit der Zukunft zu erwecken. Unser Herz ist ein Tempel, den der Herr errichtet hat, um für immer in uns zu weilen.
Göttliche Saatkörner warten auf die innere Harmonie und Einklang, um in uns selbst aufzublühen und uns in die strahlenden Sphären emporzuheben. Doch das Erlangen der erleuchteten Tugenden ist kein augenblickliches Werk der Seele, das sich von einem Moment auf den anderen vollziehen könnte.
Ein jeder von uns ist ein Anziehungspunkt von großer Kraft, ein Zentrum lebendigen Geistes, das jene Mächte anzieht, die mit dem eigenen Inneren harmonieren, und aus ihnen seine geistige Behausung formt. Die Seele – ob verkörpert oder frei von Fleisch und Blut – atmet, wo immer sie auch weilen mag, inmitten der Strahlen höheren oder niederen Lebens, die sie selbst um sich her aussendet.
Sie gleicht der Spinne, die in den dunklen Fäden aufgeht, die sie selbst gewebt hat, oder der Schwalbe, die mit eigenen Schwingen die hohen Himmel durchmisst. Wir alle strahlen Energien aus, mit denen wir uns umkleiden und die uns weitaus deutlicher offenbaren als Worte es könnten.
Was nützte euch die Rückkehr in die irdische Werkstatt, ohne die Kenntnis jener Pflichten, die wir der Göttlichen Gerechtigkeit schulden? Was brächte uns das zeitweilige Vergessen der Vergangenheit, ohne dass wir uns der Verantwortlichkeit verpflichten – jener größten Kraft, die uns in den Fesseln der dichten Materie beistehen kann und die sich als edle Bestimmung in uns zeigt?
Die Rückkehr in das körperliche Gewand ist ein Segen, den wir durch liebevolle Fürsprache erlangen können, wenn uns die eigenen Verdienste fehlen, ihn im rechten Augenblick aus eigener Kraft zu empfangen. So wie es möglich ist, auf Erden eine würdige Arbeit zu finden, indem man Freunde bittet, uns zu den erstrebten Zielen zu geleiten.
Doch wie es bei vielen Menschen geschieht, die angesehene Ämter bekleiden, nur um Rechte zu nutzen, für die sie selbst nichts getan haben – unter offenkundigem Missbrauch der Gesetze, die unser Handeln lenken –, so suchen viele Seelen das Heiligtum des Fleisches auf, indem sie voreilige Versprechen geben.
Sie dringen dort ein und vergrößern dabei nur ihre eigene Schuld. Furchtsam, leichtfertig oder unbeständig nutzen sie die gesegnete Zeit in der Region der Dämmerung nur dazu, dieselben Fehler vergangener Zeiten zu wiederholen – unter völligem Verlust der Zeit, die doch ein Lehen des Herrn ist.
In diesem Augenblick, während einer kurzen Pause, die sie ihrer erbaulichen und frommen Mahnung gewährte, streckte Matilde uns die Hände entgegen, von denen Strahlen intensiven Lichts ausgingen, und rief mütterlich aus:
— Ihr erfleht die Rückkehr in den schützenden Schatten des Fleisches, um die Makel zu tilgen, die euer geistiges Gewand verunstalten. Doch habt ihr schon genügend Kraft gesammelt, um das Unrecht zu vergessen, das euch auf Erden zugefügt wurde? Erkennt ihr eure Fehler so aufrichtig an, dass ihr die notwendige Läuterung demütig annehmt?
Habt ihr euer Gemüt so weit gestärkt, dass ihr eure eigenen Mängel ohne verzweifelte Ängste prüfen könnt? Habt ihr gelernt, dem Göttlichen Lamm zu dienen – bis hin zum persönlichen Opfer am Kreuz des menschlichen Unverständnisses? Seid ihr bereit, in eurer eigenen Seele jene finsteren Abgründe auszumerzen, die euch noch immer mit den Mächten der Dunkelheit verbinden?
Habt ihr euren Gefährten auf dem Pfad der Erlösung bereits mit jener Hingabe und Kraft beigestanden, die euer eigenes Flehen um Beistand rechtfertigen würde? Welche guten Werke habt ihr vollbracht, um neue Gnadengaben vom Himmel zu erbitten? Auf wen baut ihr, um in den kommenden Prüfungen zu bestehen? Glaubt ihr etwa, dass der Landmann ernten wird, ohne zuvor gesät zu haben?
Besitzt ihr genug Gelassenheit und Weisheit in eurem Herzen, um euch morgen, in der Welt der Materie, nicht selbst zu vergiften, wenn die giftigen Pfeile des Zorns, des Neids oder der unheilvollen Eifersucht auf euch niedergehen? Seid ihr davon überzeugt, dass niemand sich an der Göttlichen Sonne wärmen kann, ohne sein Herz zuvor den Strömen des Ewigen Lichts zu öffnen?
In diesem Abschnitt vertieft Matilde ihre Belehrung über die moralische Last der Wiederverkörperung. Ich habe Begriffe wie „Halbbewusstheit“ und „Aspirationen“ durch Begriffe ersetzt, die den philosophischen Gehalt im Deutschen flüssiger wiedergeben.
— Wisst ihr denn nicht, dass man ebenso wirken muss, um den Segen eines irdischen Tempels zu verdienen? Welchen Gefährten habt ihr Gutes getan, um von ihnen die liebevolle Hingabe von Vater und Mutter zu euren Gunsten zu erbitten?
Täuscht euch nicht. Nur die unreifen Wesen in den wilden Kreisen der Natur kennen vorerst nur ein dämmerndes Bewusstsein, da sie noch an die niederen Reiche grenzen. Sie empfangen die Wiederverkörperung fast nach Art der vernunftlosen Tiere, die ihre Instinkte veredeln, um später in das Heiligtum der Vernunft einzutreten.
Für uns jedoch, Träger eines kraftvollen Geistes, die wir bereits in Hunderten verschiedener Formen geatmet und vielfältige Stufen der Entwicklung durchquert haben – kränkend und gekränkt werdend, liebend und hassend, recht handelnd und irrend, Schulden tilgend und neue aufnehmend –, kann sich das Leben nicht auf einen bloßen Traum beschränken, als sei die Reinkarnation ein bloßer Vorgang zur Betäubung der Seele.
Es ist daher unerlässlich, dass wir uns erneuern, indem wir unser innerstes Wesen veredeln, unser Bewusstsein für das höchste Gut weiten und es im Licht des Göttlichen Meisters erhellen.
Der menschliche Geist, der die himmlischen Gaben ehrt, die ihm verliehen wurden, darf weder dahinkümmern wie ein verdorrter Strauch, der nichts Nützliches im Haushalt der Erde hervorbringt, noch darf er das vernunftlose Tier nachahmen, das noch am Anfang seiner geistigen Entfaltung steht.
Ein Dasein unter den Menschen, so bescheiden es auch sei, ist für unsereins ein zu bedeutsames Ereignis, als dass wir es ohne tiefe Betrachtung abtun dürften. Ohne jedoch das Bewusstsein der eigenen Verantwortlichkeit zu verinnerlichen, das unser Streben nach Heiligung prägen muss, ist jedes Vorhaben dieser Art gefahrvoll.
Denn in unserem tiefen Lernprozess, in der Wiederholung unserer Prüfungen, wandelt jeder Geist allein im Kreise seiner eigenen Gedanken – ohne dass die Weggefährten, von seltenen Ausnahmen abgesehen, seine edelsten Hoffnungen kennen oder sein würdiges Streben teilen.
— Jedes verkörperte Wesen bleibt allein im Reiche seines Selbst; und es bedarf großen Glaubens und unerschütterlichen Mutes, um siegreich unter dem unsichtbaren, erlösenden Kreuz, das unser Leben veredelt, bis zum Gipfel der Verklärung emporzusteigen.
In diesem Augenblick hielt Matilde inne und gewährte der Versammlung eine längere Stille, in der ihre Worte der Weisheit und des Lichts nachwirken konnten. Sie näherte sich Gúbio, der erschöpft und von großer Blässe gezeichnet dalag. Sie grüßte ihn gütig mit Worten des Dankes und wandte sich daraufhin an die Zuhörer.
Um die feierliche Strenge zu mildern, welche ihre Gegenwart ausgestrahlt hatte, bat sie die Anwesenden in liebevollem Ton, über ihre eigenen Vorhaben für die Zukunft zu sprechen. Stimmen der Dankbarkeit erhoben sich voller Rührung. Ein Herr mit wachen, glänzenden Augen trat hervor und sprach mit fester Stimme:
— Edle Wohltäterin, ich war auf meiner letzten Erdenreise ein zweifacher Mörder. Viele Jahre atmete ich in der irdischen Hülle, als wäre ich der friedvollste Mensch auf Erden, obgleich mein Gewissen von Reue verfinstert und meine Hände mit Blut befleckt waren. Hinter der Maske der Heuchelei täuschte ich alle, die mich umgaben.
Als ich die Schwelle des Grabes überschritt, gepeinigt von bitteren Erinnerungen, glaubte ich, dass furchtbare Anklagen auf mich warten würden. Diese Erwartung schenkte mir beinahe Linderung; denn der von Reue gejagte Sünder findet Trost in jenen Demütigungen, die ihn zermalmen. Doch ich fand nichts als Verachtung – und meine eigene tiefe Beschämung.
Meine Opfer wandten sich von mir ab, sie verziehen mir und vergaßen mich. Ich jedoch sehe mich von strafenden Kräften getrieben, die ich in ihrer Schwere kaum zu schildern vermag. In meinem Gewissen tagt ein unsichtbares Gericht, und vergeblich versuche ich, jenen Orten zu entfliehen, an denen ich die Ehrfurcht vor dem Nächsten missachtet habe.
Das Schluchzen unterdrückend, endete er voller Ergriffenheit:
— Wie soll ich beginnen, mich wieder aufzurichten?
Eine so unermessliche Traurigkeit schwang in seiner demütigen Stimme mit, dass wir uns alle bis ins Mark erschüttert fühlten. Matilde jedoch antwortete ohne Zögern:
— Andere Brüder, ganz in unserer Nähe, die die Last der gleichen Schuld tragen, irren unselig zwischen Albtraum und unsäglicher Bedrängnis umher. Öffne dein Herz für sie.
Du wirst beginnen, indem du ihnen hilfst, den Pfad der Erneuerung zu erkennen; indem du sie mit Hoffnung und neuen Idealen stärkst und sie zur läuternden Arbeit durch das beharrliche Wirken im Guten hinführst. Du wirst ihre Schmähungen, ihren Spott und ihr Unverständnis ertragen müssen – doch du wirst einen Weg finden, ihnen mit Kraft und Sanftmut beizustehen.
— Nach einer solchen Aussaat wirst du beginnen, die Segnungen des Friedens und des Lichts zu ernten. Denn ein Geist, der mit Liebe lehrt – wie fehlbar und unvollkommen er auch sein mag –, lernt am Ende selbst die schwersten Lektionen der Verantwortung. Er erwirbt sie, indem er anderen jene rettenden Offenbarungen überbringt, die ihm nicht zu eigen sind.
Ist dieser veredelnde Dienst vollbracht, wirst du später den irdischen Leib wieder annehmen, um jene Lehren zu festigen, die du dem zur Umkehr bereiten Geist eingeprägt hast. Du wirst dann erneut tausend Anlässe für maßlosen Zorn vorfinden; und die Versuchung, deine Widersacher durch einen tödlichen Schlag zu beseitigen, wird dein Herz häufig heimsuchen.
Wenn du es jedoch verstehst – und vor allem, wenn du es aus freiem Willen erstrebst –, deine zerstörerischen Impulse zu besiegen, während du dich in der „Sphäre des Neuanfangs“ im gesegneten Kampfe befindest; wenn du Liebe und Frieden, Licht und Vollendung um dich her säst: Dann wirst du bewiesen haben, dass du die empfangenen Gaben wahrhaft zu nutzen weißt, und dich als bereit für einen höheren Aufstieg erweisen.
Ehe die Botin der Weisheit ihrer Unterweisung weiteren Glanz verleihen konnte, suchte eine weinende Frau ihren Rat und rief voller Demut:
— Edle Botin des Guten, ich bekenne hier vor allen meine Verfehlungen und flehe dich um einen rettenden Wegweiser an. Im Erdenleben wurde ich nie für mein maßloses Verlangen nach Sinnenlust bestraft.
Ich besaß ein Heim, das ich nicht ehrte, einen Gatten, den ich bald vergaß, und Kinder, die ich mutwillig von mir stieß, um mich bis zur Erschöpfung den Vergnügungen meiner Jugend hinzugeben. Meine moralische Verirrung blieb der Welt verborgen, doch der Tod ließ die Maske verrotten, hinter der ich mich vor fremden Augen barg, und ich begann, schreckliches Entsetzen vor mir selbst zu empfinden.
Was muss ich tun, um meinen Frieden wiederzufinden? Wie kann ich die Reue ausdrücken, die meine Seele mit unendlicher Bitterkeit erfüllt?
Matilde blickte sie voller Mitleid an und sprach:
— Tausende von Wesen, die ihre hinfällige Hülle abgelegt haben, ringen in einer nahen Sphäre mit dem Tode, unter der grausamen Geißel der Leidenschaften, an die sie sich unbesonnen gekettet haben. Du kannst mit der Wandlung deiner Kräfte beginnen, indem du dich in den Reichen der Genesung dem Dienst an jenen Leidenden widmest, die guten Willens sind.
Unter Selbstverleugnung wirst du viele Geister, die in ihrem Fehlgehen wie erstarrt sind, den Abgründen des Schmerzes entreißen, in denen sie sich winden. Du wirst in ihr Innerstes neue Werte und neues Licht pflanzen; du wirst sie trösten und sie zur göttlichen Harmonie führen. So wirst du dir das Recht auf die Rückkehr in das gesegnete Feld des Irdischen zurückerobern.
Dann, zurückgeführt in die gütige Schule des Erdenlebens, wirst du vielleicht die schwere Prüfung äußerer Schönheit erhalten. Möge der Kontakt mit den Versuchungen der eigenen niederen Natur den Stahl deines Charakters neu härten – vorausgesetzt, es gelingt dir, deinem heiligen Streben die Treue zu bewahren.
Das ist das Gesetz, meine Tochter! Damit wir uns nach dem Sturz in den Abgrund mit Sicherheit wieder erheben, ist es unerlässlich, all jenen zu helfen, die ebenfalls hineingestürzt sind.
Angesichts des fremden Leids müssen wir jenes Bewusstsein der Verantwortung festigen, das unser künftiges Handeln lenken soll, damit die Wiederverkörperung nicht in ein erneutes Versinken in der Selbstsucht mündet. Das einzige Mittel, dem Bösen endgültig zu entfliehen, ist der ständige Halt im unendlich Guten.
Die Wohltäterin hielt kurz inne, ließ den Blick über die Versammlung schweifen, die ihr erwartungsvoll lauschte, und schloss:
— Und niemand von uns möge glauben, den Zugang zu den ewigen Schätzen leichtfertig zu erlangen, nur weil wir gegenwärtig von den fesselnden Banden des fleischlichen Körpers befreit sind.
Der Herr schuf unvergängliche und vollkommene Gesetze, damit wir das Reich des Göttlichen Lichts nicht durch den Zufall erreichen. Kein Geist kann die weisen Gebote der Anstrengung und der Zeit missachten! Wer im kommenden Zeitalter die Ernte des Glücks begehrt, der beginne schon jetzt mit der Aussaat von Liebe und Frieden.
Nach diesen Worten verweilte Matilde in tiefem Schweigen. Während sie in Gebet und Meditation versunken schien, entströmten ihrer leuchtenden Gestalt spontan und glänzend wunderbare Wellen aus Licht.